Neues aus Absurdistan
Hier erscheinen in loser Folge Ergänzungen zum Buch und Essays zu verwandten Themen:
Himmelsbotenstoffe
April 2012 – Schon mal was von Engelspray gehört? Nein, nicht der Duft der Frauen provoziert, dass einem drei Engel für Charlie wie nichts auf den Schoß fallen. Und, nein, auch nicht in Gelb als Reifenpannenspray vom ADAC. Engelspray ist Raumspray für die höheren Dimensionen der Sinneswahrnehmung. Quasi Zimmerdeo gegen übel transpirierende Aura. Für das AEJP VABBA Raumspray aus dem „Essenzenladen“ zum Beispiel haben 17 Lichtarbeiter durch ein Channelmedium außerirdische Energie in Wasser, Brandwein, Rosenwasser und Grapefruitextrakt transferiert, so dass sich 50 Milliliter davon für 20,37 Euro zuzüglich Versandkosten verkaufen lassen. Die rechtlichen Hinweise gilt es freilich auch zu zitieren: „Alle Aura-Essenzen basieren auf dem Schwingungsprinzip und haben keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung. Wir beschreiben ausschließlich feinstoffliche Energien und treffen keine Aussagen über die Wirkung der Essenzen.“ Blaming the victim: Wenn’s nicht hilft, haben Sie wohl nicht genug daran geglaubt; außerdem haben wir Ihnen ja nie was versprochen.
G-Hilfe
April 2012 – Endlich ist er entdeckt, der sagenumwobene G-Punkt. Der vorgeblich erotische An-Schalter der Frau. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass just der G-Punkt-Finder auch gleich dessen künstliche Vergrößerung im seinem schönheitsoperativen Repertoire hat. Kommt aus den USA, wird aber auch in Deutschland bereits zahlreich angeboten. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs der aktuellen Trends zur Manipulation des Faktischen auch im Intimbereich. Darunter tummelt sich inzwischen allerhand: Vaginalstraffung, Schamlippen oder Klitoris verkleinern, Venushügelfett absaugen und Anal bleaching (Hautaufhellung des Anus). Übrigens bei den Männern liegt auf Platz sieben der beliebtesten schönheitschirurgischen Eingriffe die Penisvergrößerung. Porn to be alive.
Schmerztherapie
April 2012 – Der renommierte Neurobiologe Gerald Hüther weist in einem „Zwischenruf“ für das Denkwerk Zukunft [Link] darauf hin, dass es der Hirnforschung gelungen ist nachzuweisen, dass soziale Kränkungen die gleichen neuronalen Netze aktivieren, wie körperlicher Schmerz. Eine Erkenntnis, die sich, vielleicht nicht so krass, aber doch mit der menschlichen Alltagserfahrung deckt: In beiden Fällen muss man ab einer gewissen Intensität die Zähne zusammenbeißen, wenn man nicht schreien will. So weit, so nachvollziehbar. Dann gleitet Hüther ab ins Hypothetische, wenn er ausführt, dass eben jenes soziale Zähne-Zusammenbeißen dick und krank macht. Er unterstellt, dass eine herrschende „chronische“ Unterdrückung solch sozialer Schmerzen aus den Anfechtungen unseres vorgeblich ach so strapazierenden Gemeinwesens die sonstige Schmerzsignalgebung übertüncht, worauf das Körpergefühl verloren geht. Die Wirkung mag wohl richtig sein, nur die Ursache erscheint mir arg tendenziös vereinfacht.
Zum einen setzt Hüther geflissentlich die „Lebensbeschleunigungs-These“ voraus, also die zunehmende Überforderung allein aus der Bewältigung eines angeblich immer schnelllebigeren Alltags. Wie ich schon des Öfteren ausgeführt habe, eine zu Zeiten historisch und global einzigartigen Wohlstandes und ebenso außerordentlich geringer Arbeitsbelastung sehr gewagte These. Zum anderen lässt der dargestellte Zusammenhang ja per se zwei ursächliche Schlüsse zu: mehr Unterdrückung sozialer Schmerzen oder die Abnahme der Fähigkeit mit den gegebenen sozialen Anfechtungen leidlich zurechtzukommen. Dass wir also nicht mehr die Zähne zusammenbeißen müssen, sondern dass wir nicht mehr so gut Zahne-Zusammenbeißen können (wollen). Diese zweite Option verschweigt Hüther; sie erscheint mir aber angesichts des gegebenen Lebensumfelds im Deutschland des 21. Jahrhunderts erheblich plausibler.
Was mich, bei allem Respekt, an solchen Hypothesen besonders ärgert, ist, dass damit einmal mehr die Menschen von der eigenen Verantwortung für ihr Wohlbefinden entbunden werden: Du allein kannst nichts dafür, die Gesellschaft ist es, das Leben an sich ist schuld. Nicht dein unverantwortliches Verhalten macht dich dick und krank, sondern das schlimme soziale Beziehungsgeflecht, in das du unschuldig hineingeboren wurdest. Die „Verbesserung unserer Beziehungskultur“ fordert Hüther kryptisch und verschweigt, wer der alleinige Träger von Kultur ist: jeder Einzelne. Dabei würde sich die Kultur schon ganz erheblich verbessern, wenn man wieder aufhören würde loszuplärren, allein weil man scheinbar schief angesehen wurde.
Orientierungshilfe
März 2012 – Ein Vortragsessay über richtige und wichtige Einstellungen in Schule, Ausbildung und Beruf: Das Leben ist kein Facebook-Spiel
pdf-Download Das Leben ist kein Facebook-Spiel_Mrz-2012_Gerd Maas.pdf [90 KB]
Monkey Island VI
März 2012 – Das Selbstverständnis von Torge Schmidt, Spitzenkandidat der PIRATEN für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein: „Ich bin Gamer und spiele hauptsächlich RPGs [Anm.: Role Playing Games] und Strategiespiele.“ (FAZ, 28.3.2012). Vielleicht sollte Herr Schmidt sich lieber in World of Warcraft zum König ausrufen lassen. Ums Kieler Parlament kümmern sich derweilen gerne Käpt’n Blaubär und Hein Blöd.
Utopia 2.0
März 2012 – Für einen materiellen Wachstumsskeptiker wie mich ein verlockender Buchtitel: Gemeinwohl-Ökonomie (erweiterte Neuausgabe, Wien 2012). Gemeinwohl-Ökonomie, so beschreibt der Autor und Begriffspräger Christian Felber – romanischer Philologe und laut Klappentext freier Tänzer – aber tatsächlich einen Albtraum aller Verfechter einer offenen Gesellschaft. Als Gemeinwohl-Ökonomie entwickelt er ein neues Utopia und ersetzt Thomas Morus’ patriarchalische Herrschaft durch eine Gutmenschen-Volksdiktatur. Wie Morus baut auch Felber sein ganzes Wohlfahrts-Kartenhaus auf dem schmalen Grat seiner Überzeugung, der Mensch wäre hilfreich und gut – nicht auch, sondern ausschließlich. Er baut seine Traumwelt darauf, dass der Mensch, wenn man ihm es nur nett genug beibrächte, sich allein an „Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitigem Helfen und Teilen“ orientieren würde. Keine Frage, das sind tragende Werte unserer Zivilisation, aber eben nur die eine von zwei Seiten unseres evolutionären Erfolgsprogramms. Die andere Seite unserer Natur entspringt dem Kampf um Nahrung, Fortpflanzung und Status und treibt uns zum Wettbewerb, reizt den Ehrgeiz, verlangt uns Zähigkeit, Entbehrung und Leistung ab, erfüllt uns mit Stolz und zwingt uns aus Verantwortung für die Familie, für die Gemeinde, für die Zukunft auch unbillige Härten gegen die Mitmenschen ab. – In uns herrschen Antigone und Kreon, und selbst Antigone wird von Sophokles nicht ohne Stolz gezeichnet. – Von der dritten, der dunklen Seite des Menschen, Hass, Eifersucht, Zorn, Triebhaftigkeit, Gier et cetera, ganz zu schweigen.
Und so hofft Felber vergebens auf eine schöne neue Welt, würde man die Bürger nur selbst über die Wirtschafts-, die Bildungs-, die Daseinsvorsorge- und die Medien-Ordnung und die Verfassung der Demokratie entscheiden lassen und noch mit Gesetzesinitiativ- und –verhinderungskraft ausstatten. Da hat er sich die falschen Menschen ausgesucht, um mit solchen Kommunarden-Methoden zum perfekten Gemeinwesen des absoluten gegenseitigen Vertrauens zu gelangen: „Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der Sie jedem Menschen vollkommen vertrauen können: Wäre das nicht die Gesellschaft mit der höchsten Lebensqualität?“ – Tatsächlich wäre das das real existierende Grauen. Zum einen weil ich schon genügend Menschen kennengelernt habe, denen ich nie im Leben vertrauen können will, und zum anderen, weil diese Vorstellung nur in vollkommener Unfreiheit als das entmenschlichte System einer absolutistischen Technokratie verwirklicht werden könnte. Verordnete Massenvertrautheit.
Alle weiteren Facetten der Gemeinwohl-Ökonomie kann man sich dann getrost sparen. Sie beruhen alle unmittelbar auf dem unmöglichen Gutmenschen-Axiom. So belegen auch die paar realen Beispiele die Felber aufführt, dass sich neue, nachhaltigere Ansätze des Wirtschaftens auch in der Marktwirtschaft verwirklichen lassen und sie machen die wirkliche Herausforderung deutlich: nicht Wettbewerb und Gewinnstreben abschaffen, sondern das Ziel und die Art der Rendite neu definieren.
Napfkuchen
Februar 2012 – Nachtrag zum letzten November: 40 Hundebäckereien sind es inzwischen allein in Bayern. Wem das zu profan ist, bestellt bei der Hundekonditorei: Leberwurst-Croissants, Seelachs-Trüffel, Lachs-Spinat-Krokant, Karotten-Kokos-Makronen, Käsetraum-Lollis, handgemacht, 100% Natur. Und nicht vergessen, Ostern steht vor der Tür, da dürfen Herrchen und Frauchen ganz besonders einen am Keks haben: Rindfleisch-, Käse- oder Leberwurst-Häschen, Hundeschokoladenhase oder schlicht Pralinen – vier Stück (70g) im Holzkistchen zu 8,90 Euro. Das Leben ist ein Leckerlie.
Wetten dass..?
Februar 2012 – Der weltweite Gesamtwert von Derivaten übersteigt das globale Bruttoinlandsprodukt um sage und schreibe das Zehnfache. Unter dem Begriff Derivate sind alle Finanzprodukte zusammengefasst, die Wetten auf die Zukunft beinhalten (Futures, Optionen, Swaps). Derivate schaffen keine Investitionen, sie verlagern ausschließlich Risiken – risikofreudige Marktteilnehmer greifen risikoscheuen unter die Arme. Eliminiert werden die Risiken dadurch natürlich nicht, sondern es sind Nullsummenspiele: das was einer gewinnt, verliert ein anderer. Es wird nichts geschaffen, es geht nur darum Geld von vielen Dümmeren zu wenigen Cleveren zu schaufeln. Die mehrwertlosen Geschäfte boomen: 1998 betrug der Nominalwert aller Derivate weltweit noch 81 Billionen US-Dollar, 2010 waren es 605 Billionen US-Dollar. Offensichtlich finden sich immer mehr Dümmere.
Jetzt braucht man nur noch zu schauen, wer laufend viel Geld verliert beziehungsweise viele Schulden macht oder ständig neues Geld druckt, um zu wissen , wo diese Dümmeren zu suchen sind, beziehungsweise wo die gigantische Pumpe steckt, die ohne zu investieren, ohne mehr schaffen zu wollen, Geld in die Märkte bläst, das sich Anlagen sucht. Es sind sich stetig höher verschuldende Staaten und renditegeile Finanzmarktakteure. Letztere können sich entweder mit der too-big-to-fail-Garantie oder wegen erschreckend minimaler Eigenkapitalquoten schamlos gerieren. Die Risiken, bewertet in Inflation und Steuern, tragen in beiden Fällen diejenigen, die leisten, schaffen, ihr Risiko selber tragen und dafür haften: steuerpflichtige Arbeitnehmer, Selbständige und der überwiegende Teil der Unternehmer.
In der herrschenden Verfassung der Finanzmärkte haben sich für die demokratiebasierte Marktwirtschaft konstitutive Wirkzusammenhänge entkoppelt: Eigentum und Verantwortung, Risiko und Haftung, Leistung und Verdienst. Dementsprechend ist es kein Problem des Systems Marktwirtschaft oder des System Kapitalismus – daher schüttet etwa auch die Occupy-Bewegung das Kind mit dem Bade aus. Jedes System, das die Maßlosigkeit Einzelner nicht zu unterbinden weiß, muss scheitern – und aus unseren bisherigen historischen Erfahrungen erlagen die totalitäreren, wirtschaftlich lenkungsorientierten Systeme wie Merkantilismus oder Sozialismus dieser Gefahr noch viel leichter.
Es ist das also sicher keine Systemfrage, sondern vielmehr eine Frage der Moral. Und dabei auch nicht das Infragestellen des herrschenden Wertesystems, sondern das Problem der Durchsetzung der allgemein anerkannten gesellschaftstragenden Ethik bei jedem Einzelnen. Der Einsatz der demokratischen Kräfte für das Primat von Verantwortung, Haftung und Leistungsgerechtigkeit.
Da darf man den Regierenden bisher durchaus Kleinmut vorwerfen. Der Interventionismus wird in Details exzessiv zelebriert, siehe Frauenquote oder Glühbirnenverbot, während mit dem Kampf gegen den demokratiegefährdenden Kasinokapitalismus kaum einer sein Schicksal verknüpfen möchte. Da wäre noch reichlich Luft für Empörung im Rat der Europäischen Union
oder bei den G-20.
Wir dürfen aber auch die Bedeutung des gesamtgesellschaftlichen Über-die-Verhältnisse-Lebens als maßloses Vorbild und inflationären Treibstoff der überbordenden Finanzmärkte nicht aus den Augen verlieren. Ohne die enorme Pumpe der angehäuften Staatsverschuldungen – in der EU Stand 2010 zehn Billionen Euro, in den USA Anfang 2012 11 Billionen Euro und ebenfalls 10 Billionen Euro in Japan, all together: 31.000.000.000.000.000 € – wäre wenigstens das Eskalationstempo ein anderes und wahrscheinlich auch die Hebelwirkung der Finanzmärkte auf das richtige Leben geringer. Diese Bindung zur Realität bleibt aber immer: Man kann nur befristet mehr ausgeben und jonglieren als man geschafft hat. Am Ende der Frist muss man endlich mehr schaffen oder zugrunde gehen.
Und die Mutter blicket stumm
Februar 2012 – „Mit dem iPhone hätte Phillip nicht gezappelt“ titelte die Welt HD unlängst und stellte dabei sämtliche Kausalitäten auf den Kopf. Die verwegene These: „Wenn Kinder keine Ruhe geben, lohnt es sich für Erwachsene, den Kleinen ihr iPhone zum Spielen zu überlassen. Denn schon Eineinhalbjährige spielen gern mit einem Smartphone.“ Tatsächlich reden wir von der Mobilisierung der bildschirmmedialen Verblödung, die stationär schon schwer im Verdacht steht eben jenes Zappeln zu befördern, in ihrer elektronischen Zweidimensionalität aber in jedem Fall die frühkindliche Erfahrungswelt extrem verarmt. Apps kann Kind nicht hinterschauen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht anfassen, nicht ablutschen, daran nichts verändern oder darin sonst einen Einfluss jenseits stupider, vorgedachter Computerspielmuster nehmen. Selbst nölende Langeweile ist lebensspannender. Aber anstrengender für die Eltern. Und genau daher weht der Wind der Inflation mehr oder weniger pädagogisch wertvoller Kinderruhigstellungsapplikationen. Es ist die Verweigerung einer biologischen Selbstverständlichkeit, sich Zeit für den fordernden Nachwuchs zu nehmen. Schauen wir auf ein offenbarendes Beispiel aus dem Welt HD-Artikel:
„Für Amber Mullaney ist das iPhone ein Gottesgeschenk. Wenn die Amerikanerin mit ihrem Ehemann und der zweijährigen Tochter in ein Restaurant geht, bekommt die kleine Tatum das Smartphone und darf sich Folgen der Zeichentrickserie ‚Dora the Explorer‘ anschauen. Versuche, das Handy zu Hause zu lassen, endeten in der Vergangenheit im Chaos: Tatum spielte mit den Salzstreuern herum, Gläser fielen um. ‚Sie malt ein bisschen oder redet ein bisschen mit uns, aber das ist nur von kurzer Dauer‘, sagt Mullaney. Mit dem iPhone sitzt Tatum dagegen ruhig auf ihrem Stuhl, während ihre Eltern in Ruhe ihr Essen genießen können. Ein schlechtes Gewissen hat die Mutter manchmal schon. Die Leute sollen nicht denken, sie nutze das Gerät, um ihr Kind zum Schweigen zu bringen. Aber sie will auch nicht auf Restaurantbesuche verzichten. ‚Manchmal muss man tun, was man tun muss‘, sagt sie.“
Vor kurzem hab ich so ein armes Ding selbst erlebt. Eine, sagen wir mal, Dreijährige, die geschlagene zwei Stunden mit roten Backen aber ansonsten vollkommen apathisch ins iPhone ihres Papas glotze, während der mit Mama und einem befreundeten Pärchen im Caféhaus ausgiebig frühstückte. Ein hübsches, offenes Kind, fröhliche, dem Anschein nach geistreiche Eltern und Freunde – umso surrealer das Bild der unbeschwert schwatzenden Erwachsenenrunde um das bewegungslos, mit gerade am Körper runterhängenden Armen auf den kleinen Bildschirm konditionierte Mädchen; außer wenigen, ernsten Zwischenfragen an den Vater, die ihn zu kurzen, lächelnden Kommentaren nötigten, schweigend.
Fisher Price von Mattel nimmt den weiteren Trend schon vorweg und brachte September 2011 ihren Babyhalter für das iPhone oder den iPod touch auch auf den deutschen Markt. Mit bunten Ringen, Rasseln und bei Bedarf vorgeblich babygerechten Apps – Zielgruppe: ab sechs Monate.
Echt gaga.
Die sich ausdifferenzierende elektromediale Ruhigstellungspraxis gemahnt immer mehr an die pädagogischen Utopien eines John B. Watson, dem Begründer des Behaviorismus, der in den Zwanzigerjahren von der Kinderaufzucht in Babyfarmen fern von familiären Beziehungen und dem realen Leben träumte. Ein tatsächlich unmenschliches, tödliches Milieu. Die aufmerksamkeitsfordernden Bildschirmmedien schließen die Kinder ebenso von der Wirklichkeit aus (auch wenn Ihnen – pädagogisch wertvoll – versucht wird, über die Medieninhalte wieder etwas Wirklichkeit zu vermitteln) und trennen sie von der zwischenmenschlichen Auseinandersetzung. Babyfarmen im Kopf.
Ausgelutscht
Januar 2012 – Wem jetzt das Lutschen eines Bonbons zu aufwendig erscheint, sprüht sich vorgeschnulltes Candy-Spray in den Mund. Ein paar Milliliter Soße aus Süßstoff, künstlichen Aromen und einigen E-Nummern im Plastikfläschchen mit Pumpzerstäuber. Alternativ auch Doppel-Candy-Spray, Candy-Schaum-Spray oder Light-up-Candy-Spray, das auf Knopfdruck im Dunkeln leuchtet. Das Leben ist halt kein Zuckerlecken.
Die Freiheit nehm' ich mir
Januar 2012 – Steinkühlerpause war gestern, heute ist Facebook. Jeder zehnte deutsche Arbeitnehmer ist länger als fünf Stunden pro Woche während der Arbeitszeit privat auf Facebook (Quelle: youCom GmbH, Hürth) – das macht rund 27 Arbeitstage im Jahr. Mal eben so den Urlaub verdoppelt. Ein Drittel facebookt ein bis zwei Stunden während der Arbeit, auch noch rund 8 Arbeitstage im Jahr. Das Verständnis einer Arbeitsethik als Selbstverpflichtung, weil man in seinem Beruf etwas zu schaffen beabsichtigt, schwindet offenbar. Oder sei es nur das profane Gefühl der Verpflichtung, eine Gegenleistung für den empfangenen Lohn schuldig zu sein.
Feierfreier Sonntag
Januar 2012 – Mit Urlaub und Feiertagen kommen die deutschen Arbeitnehmer auf durchschnittlich 40 bezahlte freie Tage. Für die einen ist das der längste Urlaub der Welt, für die anderen einfach selbstverständlich. So selbstverständlich, dass daran doch, bitte schön, ein banaler Kalender nicht einfach etwas ändern darf. Verfügt das Kalendarium eigenmächtig den Feiertag auf einen ohnehin arbeitsfreien Sonntag, müsste man ja an diesem Tag doppelt frei machen. Das kann nicht angehen, meint DIE LINKE, und fordert, die Hälfte des Freimachens, die an jenem Sonnfeiertag nicht untergebracht werden konnte, werktäglich nachholen zu dürfen. Zur Begründung zieht Sabine Zimmermann, die arbeitspolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag, Artikel 140 des Grundgesetzes heran. Darin steht: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Ihr scheint dementsprechend nicht zumutbar, die sonntägliche seelische Erhebung mit den Anstrengungen eines Feiertages zu belasten.
In den weiteren Ausführungen lässt Zimmermann aber dann die wahren Beweggründe aus dem Sack. Sie missgönnt natürlich den Arbeitgebern den zusätzlichen Tag zur selbstredend unterstellten Ausbeutung ihrer Arbeitnehmer. „Frei nach Marx lässt sich also sagen: Die Geschichte der Feiertage ist eine Geschichte von Klassenkämpfen.“ Verfassungsschutz, übernehmen sie.
Schöne bunte Warenweltkulisse
Januar 2012 – Der ehrbare Kaufmann, jemand möge es mir bitte sagen, wo ist er geblieben? Der Kaufmann, der nicht vor lauter Gier dem eigenen Lug und Trug begeistert selber Glauben schenkt. Der Kaufmann, der stolz ist, und zu dessen Stolz es gehört, die hochgehaltene Moral nicht dem Profit zu opfern. Der Kaufmann, der sein Produkt um seiner Produktidee willen verkaufen mag, nicht weil er die Schachtel schön angemalt und wohlklingend beschriftet hat. Pfui Teufel, jedem Ehrhaften käme die Galle hoch, wenn er Mist in bunten Kistchen verscherbeln sollte.
Nun weiß ich wohl, wo die Anständigen zu suchen wären: in unzähligen mittelständischen Familienunternehmen zum Beispiel. Und keine Frage, gewissenlose Krämerseelen gab es schon immer. Nur heute scheinen sie als Großunternehmen und globale Konzerne Legion, und treten die Ethik des ehrbaren Kaufmanns mit Füßen.
Gerade hat die Verbraucherorganisation Foodwatch zum Beispiel Teekanne mit ihrem Beuteltee „Landlust“ aufs Korn genommen. „Genießen Sie einen kleinen Ausflug aufs Land und entdecken Sie den ursprünglichen Genuss vertrauter Früchte, die noch in Ruhe heranreifen können“, heißt es auf der Teekanne-Webpage, „nur natürliche Zutaten“ prangt auf der Verpackung. Bei der Sorte „Mirabelle & Birne“ ist dann aber nicht einmal Mirabelle drin, und auch kein natürliches Aroma und auch kein Mirabellen-Aroma, sondern nur „Aroma mit Mirabellen-Geschmack“. Und auch Birne ist in dem Beutel nur zu acht Prozent auffindbar. Sehr landlustig.
(www.abgespeist.de)
Beleibe kein Einzelfall: Über 4.500 Produktmeldungen sind inzwischen bei der Ende Juli 2011 von den Verbraucherzentralen gestarteten Internetplattform www.lebensmittelklarheit.de eingegangen. Hier findet sich etwa das „Pesto alla Genovese“ von Barilla, das typischerweise Pinienkerne und Olivenöl enthält. Tatsächlich verwendet Barilla in erster Linie billigeres Sonnenblumenöl (46,1 Prozent der ganzen Chose sind Sonnenblumenöl, nur ein Prozent sind wirklich Olivenöl, gerade einmal ein Tropfen) und Pinienkerne gibt’s gar nicht (stattdessen Cashewnüsse).
Schon gleich gar wird die Wahrheit kreativ gebeugt, was das Zeug hält, wenn der Gesetzgeber mehr oder weniger bewusst Lücken gelassen hat: Auf der Eierverpackung muss nicht das Herkunftsland der Eier stehen, sondern nur das Land, in denen sie verpackt wurden, Vollmilchschokolade braucht keine Vollmilch zu enthalten, schwarze Oliven können grüne gefärbt sein, aus aller Welt zusammengepanschter Honig darf auf dem Etikett mit der regionalen Adresse des Verpackers beworben werden, in Seelachs-Schnitzeln muss kein Lachs sein.
Aber was wäre das für eine Welt, in der man jeder erdenklichen Unmoral mit einer detaillierten gesetzlichen Regelung begegnen wollte? Das funktioniert nicht. Ein Gemeinwesen muss auf einer gewissen Selbstverständlichkeit moralischer Grundwerte fußen. Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit gehören da eigentlich dazu, zumindest das redliche Bemühen darum. Und auch ohne Gesetze lässt sich Unmoral gesellschaftlich sanktionieren:
Kaufen wir es den Heuchlern und Schönfärbern einfach nicht ab.
Gut bedient
November 2011 – Abiturienten lassen sich die Abschlussfeier komplett von professionellen Agenturen organisieren, Eltern blättern hunderte, wenn nicht gar tausende Euro für rückstandsfreie all-inclusive Kindergeburtstage hin, selbst Kommunion und Konfirmation sind schon massentauglich zu bedienbaren Events avanciert. Auch Geschenke muss man sich nicht mehr selber einfallen lassen, man lässt sich von den Vorschlagslisten der Onlineshop-Algorithmen leiten oder beauftragt hauptamtliche Geschenkideenhaber. Wer was erleben will, geht zur Erlebnisagentur und wählt unter zig „ausgefallenen“ Erlebnissen aus. Wer sich gesund halten will, lebt nicht einfach gesund, sondern geht zum Wellness. Wer ein Problem hat, sucht es nicht zu lösen, sondern trägt es von Therapeut zu Therapeut. Lebt ihr auch oder bucht ihr nur?
Backe, backe Hundekuchen
November 2011 – Der Hunde-Brunch ohne künstliche Konservierungs- und Aromastoffe, tierische Bioläden, die Hunde-Bäckerei – „Leckerlies direkt aus der Backstube“.
Ob man da sonntagmorgens auch frische Hundebrötchen bekommt? Der moderne dog life style baut jedenfalls fest auf Frische. Die über fünf Millionen Hundehalterhaushalte in Deutschland wissen offensichtlich nicht mehr wohin mit ihrem Geld und gehen immer öfter mit dem Bello auf ein Hundebier zur Hundewurst in den Hunde-Imbiss. Menschenfutter macht derweilen nur noch gut ein Zehntel des privaten Verbrauchs aus, in den Siebzigerjahren war es ein Viertel. Ein ganzes Hähnchen ist uns heute bratfertig tiefgekühlt gerade einmal zwei bis drei Euro wert (nebenbei: bei vollem Bewusstsein des gesunden Menschenverstandes, dass solche Preise nur mit vollautomatisierter Tierquälerei machbar sind). Endgültig pervers wird diese Schizophrenie des boomenden Bio-Frische-Hundefutter-Trends angesichts weltweit 925 Millionen Hungernden. Der Vergleich mag unlauter erscheinen, bei Hundemenüs wie „Rehwild mit Schupfnudeln, Zucchini und Marone & Thymian“, „Gans mit Kartoffel, Möhre und Erbsen & Kürbis“ oder „Kaninchen mit Kartoffel und Löwenzahn“ und „Känguru [nur] mit Kartoffel“ drängt sich einem, wenn man sich auch nur einmal kurz besinnt, der Vergleich mit den Hungerleidern dieser Welt unweigerlich auf. Oder dass ein Drittel der Weltbevölkerung mit meist nicht viel mehr als einem Napf Reis pro Tag auskommen muss.
Mit Haut ohne Haar
November 2011 – Beim EKG blickt die MTA erstaunt auf meine, wenn auch nicht viel, aber doch behaarte Brust, die sich dann auch erwartungsgemäß widerborstig gegen die Haftung der Elektroden sträubt; das hätte sie nun wirklich schon länger nicht mehr gehabt. Mit unrasiertem Oberkörper gehöre ich offenbar zu einer aussterbenden Rasse. Selbst im Intimbereich rasieren oder enthaaren sich immer mehr Männer – „ein glatt rasierter Unterleib ist bei Jugendlichen längst Mainstream“, so ein Sexualpädagoge von pro familia. 42 Prozent der männlichen Bravo-Leser rasieren sich regelmäßig die Schamhaare (berichtete die ZEIT schon 2009), rund die Hälfte der 18- bis 25-jährigen Männer meint die Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Leipzig, die „Schamregion unterliegt fortan einem Gestaltungsimperativ“. Dass dann bei den Jungs auch die Achselhaare weg müssen, versteht sich – die österreichische Krone-Zeitung hat gefragt: 58 Prozent der unter 30-Jährigen waren es. Hygienische Begründungen gibt es für all das im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts natürlich nicht. Es geht allein um eitlen Schein. In diesem wachsenden männlichen Enthaarungsfetischismus changiert Schönheitsbewusstsein gefährlich in Richtung Narzissmus – die unverhältnismäßig hohe Selbstbeachtung. Die wachsende Konzentration auf sich selbst und da nur auf die Äußerlichkeiten. Der mythologische Narziss ertrank in seiner Selbstverliebtheit. Das deutsche Volksmärchen hat solcherlei zerstörerischen Selbstwahn dann vornehmlich aufs weibliche Geschlecht projiziert, „Spieglein, Spieglein an der Wand …“. Zu Unrecht wie sich heute zeigt.
Moralpredigt
November 2011 – Verantwortung ist der überragende Begriff in dem jüngst von der Deutschen Bischofskonferenz der katholischen Kirche herausgegebenen Leitbild für eine freiheitliche Ordnung Chancengerechte Gesellschaft (27. Juni 2011). Genauer sind es sogar vier Verantwortungen: Eigenverantwortung, die Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwesen, die Verantwortung des Gemeinwesens für den Einzelnen und die Verantwortung des Gemeinwesens für das Gemeinwesen; in eben dieser Reihenfolge. Grundlage allen gesellschaftlichen Daseins ist: „Jeder muss seine Begabungen und Potentiale zur Geltung bringen und sich immer wieder seiner Verantwortung für das eigene Leben stellen. Er steht in der Pflicht, die ihm gegebenen Möglichkeiten zu nutzen, bevor er Hilfe durch die Solidargemeinschaft in Anspruch nimmt.“ Wer Teil der Gesellschaft sein will kann sich als nächstes auch nicht seiner Verpflichtung für eben diese entziehen. Das reicht vom verantwortungsvollen Umgang mit den Mitmenschen im privaten wie im beruflichen Umfeld bis zur ausdrücklichen Mitverantwortung des Einzelnen für die Ordnung des Ganzen. Es ist bezeichnend, dass die Bischöfe diese beiden Dimensionen voran stellen, grenzen sie doch damit explizit die dritte Verantwortung, nämlich die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber dem Einzelnen, klar ein. Selbstverständlich hat in einem humanen und zukunftsfähigen Gemeinwesen die institutionalisierte Gesellschaft, also „der Staat“, Verantwortung für seine Bürger, aber eben nicht als Befreier von der individuellen Verantwortung, sondern als Befähiger zur Eigenverantwortung. Ein freier Staat ersetzt nicht das Verantworten-Wollen, sondern fördert das Verantworten-Können. Und er schafft, das ist die vierte Dimension, Institutionen und Ordnungen, die das über Generationen und in einer nur begrenzt veränderbaren Schöpfung (Umwelt) sicherstellen.
Eine Gesellschaft lebt und überlebt nur aus der Verantwortung ihrer Mitglieder. In einer prähistorischen Jäger- und Sammlersippe leuchtet uns das spontan ein. Aber wer geht heute im stetigen Bewusstsein durchs Leben, dass er laufend den Fehltritt zu vermeiden sucht, der den Ast unter den Füßen knacken lässt, was die von der Jagdgemeischaft angeschlichene Beute in die Flucht treiben würde. Das Leben ist heute komplexer, das heißt aber nicht, dass dieses Verantwortungsmyzel heute weniger gilt. Ursache und Wirkung sind oft nicht mehr so leicht und klar ersichtlich, aber ganz genauso da. Wer seine Gesundheit riskiert, seine Talente nicht nutzt, seine Externalitäten nicht trägt, seine Schaffenskraft vergeudet, seinen Vorteil maximiert, der tut das unweigerlich immer zu Lasten seiner Mitmenschen. Das heißt nicht, dass man sich überall und immer die gesellschaftliche Bedeutung allen Handelns ganz konkret vor Augen halten muss. Sondern es heißt, dass man diese gemeinschaftliche Dimension des eigenen Wirkens nicht ständig ignorieren kann.
Umso weniger wir im Laufe der Geschichte aber alltäglich vitalen Anfechtungen ausgesetzt waren, umso weniger offenbar ist uns diese selbstverständliche Notwendigkeit von Verantwortung geworden. Heißt das, unser Dasein muss erst wieder lebensbedrohlich werden, damit wir uns auf unsere Menschlichkeit besinnen? Das steht zu fürchten. Die Ablenkungen der medialen Fantasien oder der erkauften Erlebnisse, die regulierten Erwerbswelten und die sanfte Wiege des fürsorglichen Staates kommen scheinbar ohne unsere Verantwortung aus. Scheinbar nur, weil eine Verantwortung eine nicht auflösbare Notwendigkeit ist. Wir bauen quasi einen Saldo nicht übernommener Verantwortlichkeiten auf. Verbindlichkeiten nennt man das gemeinhin. Schulden. Wir verschulden uns, wenn wir unseren notwendigen Verpflichtungen des Zusammenlebens nicht hinreichend nachkommen. Alles was wir hier und jetzt nicht tragen, muss andernorts und, oder später getragen werden.
Ein Hoch auf die deutschen Bischöfe, dass sie nicht einfach aufs Jenseits vertrösten, sondern so viel Erdung haben, dass sie die wachsende Verantwortungslosigkeit nicht hinnehmen wollen.
Schulschwänzer
Oktober 2011 – Gerade einmal vier Wochen nach den Sommerferien unternimmt das Kollegium eines Gymnasiums hier bei uns einen Personalausflug, um „etwas Abstand vom Alltag zu gewinnen“. Derselbe ist offenbar von einem arg unpersönlichen Nebeneinander statt Miteinander geprägt, denn der Ausflug soll auch einmal „der persönlichen Seite Raum geben“. Nun, solcherlei Begründungen könnte man leicht als etwas unglücklich ausgedrückt ad acta legen. Dass für diesen Spaß aber an der ganzen Schule die fünfte und sechste Stunde sowie der Nachmittagsunterricht entfallen, lenkt den Ärger dann doch auf derart fadenscheinige Rechtfertigungen: Sollen die Herr- und Damenschaften LehrerInnen doch bitte Ihren Abstand vom Alltag an 52 Wochenenden, in 14 Wochen Ferien oder an diversen zusätzlichen Feiertagen gewinnen und der persönlichen Seite vielleicht mit ein wenig mehr alltäglicher Zusammenarbeit Raum geben. Dem Ganzen die Krone setzt die Schulleiterin noch auf, wenn sie schreibt, dass sich die Schülerinnen und Schüler auf einen verkürzten Schultag freuen dürfen. Das ist dann so, wie wenn der Zahnarzt sagen würde, man könne sich freuen, es tue weniger weh, er bohre die Karies nur zur Hälfte raus.
Wenn zwei an einer Leine ziehen
Oktober 2011 – Der umgreifenden Ersatz von Kindern durch Haustiere wirkt sich inzwischen auch im Rechtswesen aus: einem geschiedenen Ehepartner bewilligte ein Gericht ein wöchentliches Umgangsrecht mit dem Hund, auf den man ehemals gemeinsam gekommen waren.
Heidi reloaded
Oktober 2011 – Bericht einer Selbstgeißelung: eine Folge Die Alm – Promischweiß und Edelweiß, Pro Siebens unsäglichem Verschnitt von Big Brother mit Living History und dschungelcampschen Pseudomutproben – ach ja und nicht zu vergessen die unübersehbare Anleihe bei den Scripted Realities der Doku-Soaps: Gespieltes so tun als ob es echt wäre – da schaut die Wirklichkeit nicht nur aus wie schlecht gespielt, sie ist es (bei den schauspielerischen Fähigkeiten von Kathy Kelly, Werner Lorant, diversen Castingshow-Sternchen und Call-in-Gewinnspiel-Moderatorinnen kein Wunder). Bei solcher Unbedeutendheit der Teilnehmer kommt in den zumeist über gerade Abwesende lästernden Dialogen eine Art zweitklassiges Goldenes-Blatt-Flair auf – quasi ein Schulungsvideo für Aspiranten einer großen Karriere als Dauergäste in Friseursalons, Nagelstudios und Therapiewartezimmern. Das ließe nun aber vermuten, dass man sich als Zuseher wenigstens an der Realsatire erheitern könnte: Hat man das Fremdschämen einmal verwunden, lässt sich über solch laufende Offenbarungen der gegebenen Dämlichkeit der Protagonisten ja tatsächlich amüsieren. In Wirklichkeit ist das ganze Format getränkt von gähnender Langeweile: Erörterungen der Tiefenreinheit von Handwäsche, des geeigneten Schuhwerks für unebene Dielenböden, warum man ein Kalb nicht melken kann, Tattoos, Schokoladensüchtigkeit, irritierte Haut, die almeigenen Sonnenterassen, Kaffeepeeling, Schönheitsschlaf, heruntergelassenen Unterhosen und natürlich das (oh Wunder, stets herrliche) Wetter. Unterbrochen allerdings von den sinnfälligen Anmerkungen des landhausmodenbewehrten Moderatorenpaars Janine Kunze und Daniel Aminati: „Ja so ein Hoden im Mund ist auch unangenehm.“ – „Ach komm so’n Hoden im Mund ist doch für dich nichts Neues.“
Besonders arg ist aber wirklich die durchsichtige Inszeniertheit des Ganzen. Da muss zum Beispiel auf Teufel komm raus eine alle Bemühungen der anderen, die Hühner zum Eierlegen in die Stall zu befördern, durchkreuzen, weil sie die Regie dazu auserkoren hat, der Meinung zu sein, man wolle ein Huhn zum Schlachten auswählen, wogegen sich die Feinsinnigkeit ihrer Tierliebe sträuben soll. Wobei von Anfang klar war, dass es um Eier und nicht um Ragout geht. Mit B-Movie-Thriller-Musikuntermalung und vielen Schnitten hetzen die Eierjäger schusselig den Hühnern hinterher (der Misthaufen darf dabei nicht fehlen) und sie kreuzt mit einer jeder Grundschul-Sommerfestaufführung Ehre machenden Choreografie „lauf, lauft“-rufend quer.
Oder was für ein Drama wurde da aufgeführt, als man eine gemeines Hausmäuschen dazu zwang so zu tun, als hätte es eine der Teilnehmerinnen in den Finger gebissen – sieht man allein die darauf folgenden minutenlangen Schreikrämpfe, meint man in eine Laieninszenierung von Scream geraten zu sein. Wirklich zu Schaden gekommen ist in dem Fall vermutlich jedoch nur das Trommelfell der Maus.
Von „Mut“proben wie durch Spinnenweben krabbeln, Wurstdärme aufblasen oder die besagten Stierhoden essen, will ich ganz schweigen.
Allerorts vermuten die Fernsehmacher heutzutage Realitätshunger bei den Zusehern, den wachsenden Wunsch nach Authentizität im Fernsehen und voyeuristischer Teilhabe daran. Die mediensüchtige Gesellschaft giert nach non-medialen Realitäten, die ihr daraufhin medial inszeniert werden. Das Verlangen nach real statt fiktional gebiert die Realfiktion – das mediengerecht (schlecht) nachgespielte Leben. Das Bild unseres Daseins verkommt zur kulturlosen Klischeehaftigkeit. Um sich von dieser Inszenierung dann wirklich befriedigen zu lassen, bedarf es schon einer nicht unerheblichen Schizophrenie.
Was Die Alm betrifft, waren es pro Sendung zwischen ein und zwei Millionen voyeuristische Schizos, die über zwei Wochen jeden Abend (ab 22.15 Uhr) dabei waren. Vielleicht nicht so sehr viele. Bloß möchte ich gar nicht wissen, was die anderen gut 20 Millionen Fernseher derweilen Abend für Abend geglotzt haben. Die hochnotpeinliche Alm hat mir erst einmal gereicht.
Ein demokratischer Lichtblick
Oktober 2011 – In der Bundestagsdebatte um den Euro-Rettungsschirm (EFSF) hat Bundestagspräsident Norbert Lammert jüngst jeweils einem Abweichler in der Unions- und in der FDP-Fraktion Rederecht eingeräumt. Von ihren eigenen Fraktionen waren sie abgewiesen worden. Nach deren Willen sollte im Plenum eitel Sonnenschein der Einigkeit herrschen. Allein die ganz Linken hätten dann dagegengehalten. Tatsächlich hatten auch die Koalitionsfraktionen schwer um die richtige Position gerungen und es waren eben einige partout nicht auf die Regierungsräson einzuschwören – keinesfalls leichtfertig oder profilierungsneurotisch und durchaus mit mannigfaltiger fachlicher und öffentlicher Zustimmung. In der öffentlichen Debatte sollten die aber per Geschäftsordnung des Bundestages mundtot gemacht werden. Das hat Lammert verhindert. Bravo. Ein Sieg des Parlamentarismus. Lammert handelte auf äußerst dünner rechtlicher Basis, umso fester ist seine moralische. Was wäre das für ein demokratisches Parlament, das bei derart weitreichenden Entscheidungen (eine deutsche Haftung von 211 Milliarden Euro – ungehebelt – und die Währungsstabilität des gesamten europäischen Wirtschaftsraums betreffend) in einer so undurchschaubaren Situation, dass sich kein redlicher Experte wirklich eine Prognose traut, was wäre das für ein demokratisches Parlament, das da nicht im Entscheidungsmoment wirklich noch einmal alle Argumente zu Wort kommen lässt, bevor es unser Schicksal besiegelt. Lammert hat sich einmal mehr gegen die grassierende Kabinetts- oder besser Koalitionsausschuss-, wenn nicht gar Kanzler-Autokratie gestemmt. Nicht um der Kanzlerin zu schaden. Nicht um sich für die eine oder andere Seite einzusetzen. Sondern um unsere demokratische Verfassung zu bewahren. Um dem pluralistischen Wettstreit der Ideen den nötigen Raum zu geben – der einzigen Chance den richtigen Weg aus dieser unfassbar komplexen Krise zu finden.
Freight-Watchers
September 2011 – Es ist ja schon ein wirklich überbemühtes Bild, die Ankunft des orwellschen Big Brothers in der Gegenwart. Für das was das Verkehrsressort der Europäischen Kommission gerade vorhat, muss es aber doch einmal mehr herhalten. Zu gut passen die Brüssler Ideen zu Orwells Grauen vor der unheilvollen Allianz zwischen Totalitarismus und Hochtechnologie: In einem Vorschlag für eine Verordnung zur Änderung der Verordnung [sic!] schlägt die Kommission am 19. Juli 2011 – Gesetzgebungsverfahren 2011/0196 – vor, dass die Standorte von Lastkraftwagen und Bussen künftig via GNSS (Globales Navigationssatellitensystem) automatisch lückenlos verfolgt und aufgezeichnet werden sollen und die elektronischen Fahrtenschreiber (Lenk- und Ruhezeiten, Geschwindigkeit) in den Fahrzeugen jederzeit per Fernabfrage ausgelesen werden können. Nicht mehr und nicht weniger als die Totalüberwachung von Berufskraftfahrern also. Wenn schon Orwell, dann scheint mir, wäre da doch eher eine Gedankenpolizei für Kommissionsbeamte vonnöten oder vielleicht einfach ein wenig Nachhilfe in den demokratischen Grundprinzipien unserer Gemeinschaft, nach denen man in den Menschen zuerst einmal Staatsbürger und nicht Verbrecher sieht, Souveräne und nicht verantwortungslose Untertanen. Weil man jemand zu dem macht, wie man ihn behandelt.
Links-Progression
September 2011 – Staatlich garantierter Mindestlohn, staatliches bedingungsloses Grundeinkommen, staatlich finanzierter kostenloser öffentlicher Personennahverkehr, staatlich bereitgestellte kostenlose Kitaplätze – Staat-as-Staat-as-can! Solcherlei Überzeugungen und Versprechen haben die Berliner gerade mit absoluter Mehrheit (wieder)gewählt: Im neuen Abgeordnetenhaus sitzen dreiviertel dezidiert linke und sozialistische Volksvertreter – inklusive der ach so hoch gelobten jungen „demokratischen“ Kraft, den Piraten, deren Spitzenkandidat (und jetzt Fraktionsvorsitzender) im Interview die Berliner Verschuldung auf „viele, viele Millionen“ geschätzt hatte. Und deren Parteigänger sich in der realen Welt gerne vom Staat umfassend bekümmern lassen wollen, damit sie sich ungestört in eine möglichst staatsmachtlose virtuelle Welt verkriechen können; mehr billigen Opportunismus gab es selten in einer Partei.
Die Wähler haben eindeutig fürs „weiter so“ plädiert. Weiter so mit tatsächlich 64 Milliarden Schulden der Stadt Berlin (Stand September 2011 – annähernd eine Verdopplung in der bisherigen Ära Wowereit, 2001 waren es noch 38 Milliarden) und damit bitte, gerne weiter so mit dem mit Abstand größten Zuschuss aus dem Länderfinanzausgleich von jährlich rund 3 Milliarden Euro, weiter so mit 13,6% Arbeitslosenquote (2010), weiter so mit der Schlusslaterne im deutschen Ländervergleich zur Überprüfung der Bildungsstandards im Fach Deutsch (2009) – gemeinsam mit Bremen, Brandenburg und Hamburg – oder weiter so mit 168.967 Kinder in Hartz-IV-„Familien“ (41% aller Berliner Kindl).
Selten wurde eindrucksvoller belegt, wie wenig besonders viel staatlicher Interventionismus bewirkt. Die Berliner SPD verspricht in Ihrem BERLINprogramm 2011 – 2016 „die Gleichheit der Lebensverhältnisse in der ganzen Stadt“ – angesichts ihrer Regierungsbilanz muss man das als Drohung verstehen: die Neuköllnisierung der ganzen Stadt.
Fliegenfalle
September 2011 – Auf seiner Webpage bietet er ein Verzeichnis ausgewählter Anbieter für „Astrologie, Energiearbeit, Heiler, Heilpraktiker, Lebensbegleitung und Numerologie“ – letzteres die Kunst der Weissagung aus der Symbolik von Zahlen, zum Beispiel in den Ziffern des Geburtsdatums. Drumherum blinkt Werbung für kosmische Jungbrunnen, gespeicherte Wort-Informationen auf Edelsteinwasser zur Früherkennung und Ausleitung von Störimpulsen und zur Stabilisierung der Organ-Energien in den äußeren Energiefeldern (Auswahl von 204 Testern für 4.920,- Euro zuzüglich Mehrwertsteuer), Ausbildungsseminare zum Schöpfer Ihres Lebens und spirituellen Coach (2.800,- Euro), Algentabletten zur Krebszellenabwehr (nehme ich zumindest an, wörtlich heißt es beim Anbieter „Antikrebszellenabwehr“) oder die SeelenTor-Essenz,
ein Auraspray zur Harmonisierung der Aura, sehen Sie selbst (die Aura links ohne, rechts mit der SeelenTor-Essenz).
Seine eigene Gebetsessenz, die 95ml-Flasche zu 39,95 Euro, ein unspezifiziertes „Bioregulat“, für das er über der Abfüllmaschine Gebete gesprochen hat, ist inzwischen, nach massiver Medienkritik, vom Markt verschwunden. Beim „Starnberger SeelenTor Fest für die Seele 2011“ ist er der Top-Act neben Erich von Däniken, der Schlagersängerin und Esoterikerin Penny McLean (Alltag mit Schutzgeistern) und Kristallkind Lena. Bei seinem eigenen jährlichen Kongress „Wörishofener Herbst“ tummeln sich Krebsärzte die mit Wasser heilen, Schamanen, Schutzgeister- und Engelsichtige, Energieheiler, der den Lesern dieser Seiten bereits ausführlich vorgestellte Wunderglotzer Braco (angefragt), Wasserbeleber, Quantenheiler, Gesundbeter etc. etc. neben dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Nikolaus Schneider, der dieses esoterische Treiben einer seiner Hirten ostentativ durch die Zusage seiner Teilnahme absegnet (auch wenn er nach öffentlichem Rumoren über das Wörishofener „Spinner-Treffen“ dann scheinbar doch kalte Füße bekommen hat – bis vor kurzem stand er aber noch im Programm für 2011).
Das wäre ja nun alles nicht einmal mehr der Rede wert – hab ich mich doch über diese billigen Scharlatanerien und ihre wachsende leichtgläubige Jüngerschaft bereits mehrfach ausgelassen – wenn es sich nicht bei dem Beschriebenen um einen Geistlichen handeln würde, einen berühmten dazu: den ehemals öffentlich-rechtlichen Fernsehpfarrer Jürgen Fliege. Der – das muss man angesichts solch hanebüchenen Blödsinns, siehe oben, einfach unterstellen – viel weniger glaubt, als er uns glauben machen will, dafür aber ziemlich genau weiß, was er tut. Warum? Warum wohl? Ruhmsucht und Gier, wie heute vielerorts in den wuchernden Maßlosigkeiten unserer Gesellschaft. Heuschreckenspiritualismus quasi.
Selber denken, ist das einzige, was dagegen hilft. Und sich nicht blenden lassen, weder vom Ornat noch von kreideweichen Reden, und wenn sie auch im Fernsehen kommen.
Leben Sie, wir kümmern uns um die Details
August 2011 – Eine selbstverschuldete und -geduldete Herrschaft macht genauso unfrei wie gewaltsame Unterdrückung. Sicher subtiler, unmerklicher, vermeintlich weniger behindernd. Zumal dann, wenn die Beherrschung nicht an Personen festgemacht werden kann, sondern einfach nur System ist, dem irgendwie alle unhinterfragt folgen. Zumal dann, wenn die herrschenden Dogmen wirklich nur frohe Botschaft verkünden und es den Untertanen dabei ausgesprochen gut geht. Die SPD spricht in Ihrem Grundsatzprogramm von der „stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus“. Zwei Aufsätze darüber, wie wir dabei sind unsere Freiheit für die Bequemlichkeit zu verschenken:
Wann erheben wir uns für die Freiheit
Zum pdf-download. [121 KB]
Und in der aktuellen August-Ausgabe des Magazins SMART INVESTOR erschienen:
Dekadenz – Vom Niedergang der gesellschaftstragenden Werte im paternalistischen Wohlfahrtsstaat
Zum pdf-download. [992 KB]
Wer? Wie? Was?
August 2011 – Im Vorfeld der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hat der Nordkurier die Bürger von Emnid nach der Beliebtheit der regierenden Politiker befragen lassen. Dabei ging es auch schlicht darum, ob die Mecklenburger und Pommern ihre Volksvertreter überhaupt kennen. Eher mehr weniger. Nun, beim Justizministerium wird so mancher auch andernorts passen müssen, in MV kannten allerdings fast drei Viertel die seit 2006 amtierende Uta-Maria Kuder nicht. Henry Tesch, ebenfalls seit 2006 Kultusminister, war mehr als der Hälfte unbekannt (bei 14,1 Prozent Schulabgängern ohne Abschluss eigentlich ein Mann, der im Kreuzfeuer des öffentlichen Interesses stehen müsste). Die Sozialministerin Manuela Schwesig, immerhin stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD und als deren Verhandlungsführerin um von der Leyens Bildungspaket für bedürftige Kinder zuletzt medial bundesweit äußerst präsent, kannten 39 Prozent der Befragten nicht. Da wundert es dann auch kaum noch, dass jeder Zehnte nicht wusste wer Erwin Sellering ist (2000 bis 2006 Justizminister, danach Sozialminister und seit 2008, noja, Ministerpräsident).
Eine derartig hochgradige Entfremdung der Bürger von ihren demokratischen Repräsentanten ist riskant. Einerseits weil der politische Betrieb sich dann ungestört zu verschworenen Machtzirkeln verpuppen kann und andererseits weil in der Demokratie eine gewisse politische Teilhabe der Bürger unabdingbar ist. Die Demokratie braucht die Vielfalt des Pluralismus politischer Ideen – den Wettbewerb möglichst vieler Einstellungen und Überlegungen – um zur bestmöglichen Gestaltung des Gemeinwesens zu gelangen. Den Politikern alleine die Schuld für eine sogenannte Verdrossenheit in die Schuhe zu schieben ist billig. Selbst wenn deren Handeln wirklich nur mehr verdrießlich wäre, so wäre das ja gerade erst recht Grund sich in Parteien, Verbänden oder Bürgerinitiativen für eine bessere Politik zu engagieren. Einfach taub stellen ist allerdings bequemer. Und so zeugen solche Umfragen wie in Mecklenburg-Vorpommern eben nicht von Politikverdrossenheit, sondern von der wachsenden Bequemlichkeit, sich politisch zu beschäftigen, Positionen zu beziehen und damit die Auseinandersetzung zu suchen. Wir lassen uns heute lieber schlecht regieren, als dass wir selbst für eine Regierungsverantwortung mit einstehen möchten.
Alea iacta est
August 2011 – Wer hat die Würfel aus dem Käse gemacht? Für alle, die heute nicht mehr sicher mit Messer und Gabel umgehen können, gibt es den Käse bei ALDI schon vorgewürfelt. Discount your life.
Tretboot in Seenot
Juli 2011 – Auch auf dem Wasser schreitet die Elektrifizierung aller menschlichen Bewegungsmöglichkeiten voran: das Tretboot mit Elektronantrieb ist erfunden. Im BionX SeaScape 12 tritt ein Elektromotor mit in die Pedale. Am Brombachsee soll so was schon bald in den Verleih kommen.
In diesem Zusammenhang hier noch ein kostenloser Tipp an die Produktstrategen der WaterFun-Industrie: Schwimmbretter mit Elektroantrieb gehen sicher auch weg wie geschnitten Brot. Oder gleich Schwimmflügel mit Propeller, weil wozu eigentlich noch selber schwimmen lernen?
Völlig losgelöst
Juli 2011 – Jeder fünfte Arbeitnehmer, 21 Prozent der Beschäftigten haben „keine emotionale Bindung an ihr Unternehmen“ und „verhalten sich am Arbeitsplatz destruktiv, d.h. sie zeigen unerwünschtes Verhalten“. Das hat der seit 2001 jährlich per repräsentativer Stichprobe erhobene Engagement Index der Gallup GmbH für 2010 ergeben. Weitere 66 Prozent weisen „lediglich eine geringe emotionale Bindung auf“, die leisten laut Gallup allenfalls Dienst nach Vorschrift. Dabei geben sich die deutschen Arbeitgeber wirklich Mühe, ihren Angestellten zu gefallen. Durchschnittlich 30 Tage bezahlten Urlaub gewähren sie – das ist ziemlich einsame Spitze in Europa. Bescheidene 37,7 Stunden war 2010 die durchschnittliche tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit in Deutschland. Wenn einem die Arbeit so leicht gemacht wird, sollte man sich ein bisschen Loyalität erwarten dürfen, oder? Ganz zu schweigen davon, dass man meinen möchte, dass den Menschen an ihrer menschlich unerlässlichen Notwendigkeit des Broterwerbs ein bisschen was gelegen sein sollte. Noch nicht einmal aus Dankbarkeit gegenüber jemanden, der bereit ist die Risiken und Anstrengungen auf sich zu nehmen, die mit dem Unternehmertum unweigerlich verbunden sind, sondern allein weil man weiß, dass man nur verdienen kann, wenn man etwas geschafft hat. Einmal mehr überkommt mich der Verdacht, dass sich ein wachsender Teil der Bürgerschaft gedanklich aus dem richtigen Leben ins real existierende Schlaraffenland gebeamt hat. Can you hear me, Major Tom?
Er schaut dich an
Juli 2011 – Manchmal ist es doch zu etwas gut, wenn man BILD liest. Hätte ich sonst je etwas von Braco – sprich „Brath-zoh“ – erfahren. Braco der Wunder-, der Geistheiler (was er tunlichst vermeidet, von sich selbst zu behaupten – ausführlich lässt er allerdings darüber berichten, dass andere ihn für einen solchen halten). Braco, der sich einfach ziemlich belämmert guckend, vollkommen stumm auf Bühnen stellt. Und die Leute kommen, um sich gesund starren zu lassen. Kein gezielter Augenkontakt, sondern so ganz allgemeines Herumgeglotze. Man braucht quasi nur von seinem Blick gestreift zu werden. Für fünf Euro (in den USA acht Dollar), keine zehn Minuten. Wer selber keine Zeit hat, kann sein Foto anstarren lassen. BILD war jüngst beim Anglotzen in Esslingen dabei. Da kamen 4.000. In München waren es im Februar angeblich 6.700. Wem das live-Starren nicht genügt, kann sich danach noch Braco-DVDs, Braco-Bücher oder ein Braco-Foto (80 Euro) kaufen (laut den drei Phasen von Bracos Wirkung auf seiner Webpage, sollte man in Phase zwei nach dem Besuch seine Filme gucken – „Die zweite Möglichkeit ist das Wiedererleben der Begegnung mit Braco durch seine Filme. Diese Wirkung basiert auf dem Prinzip der Resonanz, was sogar wissenschaftlich nachgewiesen ist.“ – und in der dritten Phase Bücher über ihn lesen: „Warum ist gerade das so wichtig? Weil unsere Gesellschaft voller Zweifel und Misstrauen ist und diese Berichte Ihnen zeigen, dass auch Sie sich darüber hinwegsetzen und dass Sie auf diesem Weg sehr viel bekommen können, vielleicht sogar mehr, als Sie erwarten.“). So indoktriniert verstärken sie ihr Angeglotzdasein dann auch gerne mit ein wenig Braco-Heilschmuck (80 bis 150 Euro).
Die pure Abzocke ist bei Braco so offensichtlich, dass es schon körperlich schmerzt, wenn man sieht, wie sich Tausende dafür vereinnahmen lassen und dabei nicht nur ihren Verstand, sondern auch ihr Wohlergehen riskieren. In seiner Gier durchbricht Braco jegliche moralische Grenze. In bester Kurpfuscher-Hybris verspricht er selbst, Krebs heilen zu können (was er allerdings nur auf der italienischen, ungarischen, mazedonischen und der US-Site anpreist, um in Deutschland, der Schweiz und Österreich nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen).
Was treibt uns in diesen zivilisierten Breiten zu derart archaischen Glaubensbekenntnissen, nicht nur wider jegliche Vernunft, sondern auch ohne den frühzeitlichen Nutzen des Glaubens mangels Wissen? Der sprichwörtliche Menschenverstand war es doch, der uns zu dem werden hat lassen, was wir heute sind. Neben der Fähigkeit zum solidarischen, kooperativen Verhalten ist die Vernunft der entscheidende Evolutionsvorteil des Menschen. Seine Fähigkeit in den gegebenen Komplexitäten des Daseins alle erdenklichen Entscheidungssituationen meistern zu können, ohne im Einzelfall dafür konditioniert zu sein, aber auch ohne in endlose Alternativenabwägungen zu verfallen.
Freilich versucht Braco solch vernünftige Anhaltspunkte zu simulieren, indem etwa bei Veranstaltungen „Besucher“ lautstark Zeugnis ihres Glaubens ablegen, durch vielfache Verwebungen in einem kleinen Zirkel von Scharlatanen, die dann dem oberflächlichen Beobachter als zahlreiche verschiedene Belege erscheinen oder durch pseudowissenschaftliche Beweisführungen (zum Beispiel von einem, der vorgibt Professor zu sein – ohne Doktor-Titel und ohne eine Professur in seinem Lebenslauf anzugeben – der aber sicher Präsident der „Schweizerischen Parapsychologischen Gesellschaft“ ist und der seine Argumentation auf Theorien aufbaut, die zugegeben nicht objektivierbar sind und sich ausdrücklich in sinnlich nicht wahrnehmbaren Dimensionen erklären). Oder man verfällt dem Schwindel, weil einem nach ein paar Stunden Warten im Stehen das Blut in die Beine sackt und das Hirn nicht mehr gut durchblutet wird.
Sie merken, wie offensichtlich der Humbug gezimmert ist? Man muss es also schon auch noch unbedingt wahr haben wollen. So bleibt die Frage, warum wir derart unsere Vernunft schleifen? Ich fürchte, weil wir den Bezug zur existenzerhaltenden Funktion der Vernunft verloren haben. Glauben, was man gerne glauben möchte, ist so viel einfacher als vernünftig zu sein. Und in der Wohlstandsgesellschaft, im Wohlfahrtsstaat wird Unvernunft und Nutzlosigkeit nicht spürbar, nicht direkt sanktioniert. Das ändert aber nichts daran, dass unser Überleben nach wie vor von unserer Vernunft abhängt. Von der richtigen Interpretation einer komplexen Umwelt für das gedeihliche Fortbestehen der Menschheit. Mit einer wachsenden Schar Braco-Jünger ist das vermutlich nicht zu bewerkstelligen.
Mach mir das vom Fuß weg
Juli 2011 – Fisch-Pediküre ist der neue Trend der Beautybranche. Man streckt seine Füße ins Goldfischglas und lässt sich die Hornhaut von türkischen Kangalfischen abknabbern. So long and thank’s for the fish.
Zunder geben
Juni 2011 – Nun ist es dahin, das letzte Ur-Gen im Manne, das letzte Rudiment des aufrechten Jägers, die evolutionäre, instinktive Beherrschung eines vordem unbeherrschbaren Elements. Das Zeitalter der selbstentzündenden Grillkohle ist angebrochen – einmal kurz das Feuerzeug hingehalten und die Glut entfacht und erhält sich ganz von selbst ohne jedes Zutun. „Die Feuerpracht / Gibt mir die Macht / Genau zu sein wie du“, sang einst der Orang-Utan King Louie in Walt Disneys Dschungelbuch, um vom entführten Mogli das Geheimnis des Feuer-Machens zu erpressen; „Ein Affe kann kann kann/ Sein wie ein Mann/ So ein Mann wie duhuhu“. Das Pendel der Zeit schwingt zurück, wir machen uns heute lieber selber zum Affen.
Rosskur
Juni 2011 – Auch die Pferde sind bei uns schon auf den Hund gekommen und müssen bei Leiden, Widerborstigkeit oder schlichter Unfähigkeit ihrer Halter und Reiter zunehmend Fragwürdiges – wie Globuli- oder Blutegel-Behandlungen – bis vollkommen Unsinniges – wie Reiki oder Tieraufstellungen*) – über sich ergehen lassen. Die Zeitschrift Cavallo hat im September 2010 einer besonders grassierenden Sorte von Quacksalbern auf die Hasenpfote geschaut, den Tier-Telepathen. Denen genügen vorgeblich ein Foto, ein paar Infos zum Pferd und vielleicht ein Telefonat mit dem Halter respektive der Halterin – denn tatsächlich ist die Kundschaft meist weiblich –, damit sie mit dem Tier in geistigen Dialog treten können, um dem Besitzer die Gedanken und Nöte des Pferdes zu offenbaren. Dass sich die Aussagekraft solcher „Fernfühlerei“ auf dem Niveau von Horoskopen in der Fernsehzeitung, Glückskeksen und Wahrsage-Automaten auf der Kirmes bewegt, vermutet der gesunde Menschenverstand unmittelbar (ganz abgesehen davon, dass beim Großteil aller Tiere die Sprachfähigkeit nicht über ein instinktives Signalverhalten hinausgeht oder dass sie überhaupt ein reflektierendes Ich-Bewusstsein hätten), Cavallo hat’s auch noch bewiesen und testete neun Tier-Telepathinnen (auch die Anbieter sind eher weiblich). Da widersprechen sich unterschiedliche Telepathinnen diametral (die eine meint, dass die Stute Flynn „die Zirkusarbeit und freie Spiele … sehr liebt“, die andere „Zirkus findet sie dagegen langweilig“), außer Allgemeinplätzen und Offensichtlichem stimmt wenig mit den Erfahrungen der Pferdebesitzer überein (der neugierige, aufdringliche Wallach Donald wird zum Beispiel als reserviert und menschenscheu eingeschätzt), es werden abstruse bis gefährliche Behandlungstipps gegeben („einen heilenden Bernstein in der Mähne“ – „schickt Engel-Energie, die die Heilung unterstützen soll“), ein vor drei Jahren verstorbenes Pferd „bewegt sich gern“ und eine zu einem Foto erfundene Stute möchte „Spaß haben“ und „kleine Tricks lernen“, das auf dem Foto aber ein Wallach abgelichtet ist, fällt nicht auf.
Warum so etwas trotzdem funktioniert? Ein Guru der Tier-Telepathie-Szene, Penelope Smith, meint: „Let the sense of meaning unfold by itself. Don't analyze, evaluate or criticize.”
Anm.:
*) Tieraufstellungen sind Familienaufstellungen, bei denen auch das Tier durch einen menschlichen Stellvertreter repräsentiert wird, der dann (allein weil er mit anderen Stellvertretern im Raum herumsteht) angeblich Auskunft über das Seelenleben des Tieres in menschlicher Sprache geben kann – eine besonders einfache Methode der Scharlatanerie: Wer könnte kontrollieren, ob/was das Tier wirklich denkt? Und nachdem der Tierhalter zuvor das betroffene Tier und seine Sorgen vorgestellt hatte, wird jedem halbwegs einfühlsamen Stellvertreter unter der zielführenden Anleitung des „Therapeuten“ eine halbwegs plausible Erklärung einfallen, die er in seiner Rolle empfinden könnte. Die gegebene Bauerfängerei wird nicht zuletzt durch die lukrativen Ergänzungsleistungen der Anbieter belegt: Vera Sch.-H. meint “individuelle Bachblütenmischungen können in Verbindung mit der Aufstellungsarbeit helfen, den Seelenfrieden des Tieres wiederherzustellen“, Gisa G. löst nach der Aufstellung beim Tierhalter die angeblich ursächlichen Energieblockaden durch Handauflegen, Andrea W. heilt die Tiere zusätzlich auf einer schamanischen Reise, Tanja W. bietet dazu die energetisch unterstützende Beratung und Sabine P. betreibt sensitive Radionik, bei der mittels Rute oder Pendel eine energetische Systemanalyse erstellt wird und „Heilimpulse können [dabei] energetisch auf ein Remedium geprägt werden oder als Fernheilung gesendet werden“. Don't analyze, evaluate or criticize. Just believe and pay.
Ist der Ruf erst aufpoliert …
Juni 2011 – Als Kunde der Deutschen Telekom setzt man allein schon, weil man Telekom-Produkte nutzt, „ein Zeichen für den Klimaschutz“: „So leisten Sie einen wichtigen Beitrag zu unserem Engagement für die Umwelt, unsere Mitmenschen und nachfolgende Generationen.“ Damit diese fragwürdige Selbstbeweihräucherung auch allen Telekom-Kunden wirklich bewusst wird, verschickt das Unternehmen extra Briefe an seine Kunden, einschließlich einer Dickes-Papier-Broschüre mit nicht viel mehr als eben dieser Aussage (die zudem nicht einmal auf Papier aus nachhaltigen Produktionsschienen – wie zum Beispiel FSC-zertifizierte – gedruckt ist). Ein verblüffend offensichtliches Eingeständnis, wie wenig das Unternehmen das eigene Motto „Gemeinsam nachhaltig handeln.“ tatsächlich ernst nimmt. Es geht hier nicht um die Selbstverständlichkeit nachhaltiger Wertvorstellungen, sondern um ein möglichst absatzträchtiges Image. Nicht die Werte bestimmen das Wirtschaften, sondern das Marketing bestimmt die lukrative Ethik. Man hat keine Moral, man gibt sich einen Corporate-Responsibility-Kodex (der andernfalls vollkommen überflüssig wäre, weil da die wertegebundene Verantwortlichkeit sowieso ursprünglicher und unbedingter Bestandteil der Unternehmensführung ist).
Gaudeamus igitur
Juni 2011 – In einem Interview mit dem KulturSPIEGEL (Ausgabe 6/2011) redet der Philosoph(ieprofessor) Robert Pfaller vehement dem Genuss als einzigen Sinn des Daseins das Wort. Das Lohnenswerte am Leben reduziert er auf Banalitäten wie eine Zigarette beim Kaffee oder Ballspielen an einem Sommerabend. Die Maßlosigkeit ist ihm dabei das erquickende Prinzip: „Glücklich sind wir, wenn wir mit Freunden trinken, rauchen, tanzen bis zum Umfallen.“ Zugleich verpönt er Zweck und Ziel und Aufgabe als Spaßbremsen. „Die Sinnfrage stelle ich bewusst nicht.“ Da hat nun offenbar die Trivialisierung auch schon die Philosophie erreicht, nach dem Motto: Ich frage nicht, dann vermisst auch niemand eine Antwort. Pfaller stellt die Realität gar auf den Kopf und versteigt sich, unsere Gesellschaft eine asketische zu nennen. So erteilt er der dekadenten Spätmoderne doppelt die Absolution. Er normalisiert die gegebene Moralfreiheit der Freizeit- und Spaßgesellschaft als vorgebliche Spießigkeit und befördert damit jede weitere Verspaßung und jeden zusätzlichen Müßiggang zur ethischen Glanztat. Dem Verkauf seines aktuellen Buches Wofür es sich zu leben lohnt ist das erwartungsgemäß zuträglich. Der Köder muss dem Fisch schmecken. Warum sich also mit schwerverdaulichen tiefschürfenden Seinsfragen herumquälen?
Nun ist ja gegen Ballspielen am Abend und Zechen mit den Freunden beileibe nichts einzuwenden. Einfach leben und ab und wann mal etwas unvernünftig über die Stränge schlagen, ist aber schon ein arg dünner Sinn des Lebens. Hätte so eine Philosophie allgemeine Gültigkeit, wäre uns die Niederschrift wohl erspart geblieben: Herr Pfaller wäre wahrscheinlich schon gezeugt, eventuell auch geboren worden, wohl kaum aber hätte sich jemand gefunden, ihn großzuziehen: Warum sich tagein, tagaus den Spaß von so einem kleinen Hosenscheißer verderben lassen?
Vor allem aber negiert Pfaller ein Meer von Erkenntnissen der Soziologie, Psychologie, Evolutionsbiologie, Hirnforschung und inzwischen ja sogar der Ökonomie (ganz abgesehen vom gesunden Menschenverstand). Wohlbefinden, Glück, das ist weit mehr als die pure Existenz und das materielle Auskommen, auch wenn es noch durch mondäne Eskapaden versüßt wird. Sicherheit, Gesundheit, Altruismus, Neues erforschen, dazulernen, Ziele haben und erreichen, wahrgenommener und anerkannter Teil einer Familie/Gemeinde sein, politische Teilhabe oder Freiheit, das sind alles anerkannte Glücksbringer, die in der pfallerschen Religion keinen Platz haben, weil sie komplex und verwirrend die stetige Auseinandersetzung fordern und sich eben nicht auf eine einzige Dimension reduzieren lassen und schon gar nicht auf die Don’t-worry-be-happy-Dimension.
Bei Aristoteles ist es gerade die Bereitschaft, sich dieser Multidimensionalität zu stellen und in allen Ebenen das gesunde Mittelmaß zu finden das Kennzeichen des geglückten, des glücklichen Lebens. Das macht das Leben nicht einfacher, aber wer um Gottes Willen hat bloß das Gerücht in die Welt gesetzt, in diesem schon vom vermuteten Anbeginn hochkomplexen Universum ließe es sich einfach leben? Wem das zu theoretisch ist, der sollte vielleicht mal bei der Eckkneipe in seiner Straße vorbeischauen und sich einen Eindruck machen vom Glück der Gäste, die da Abend für Abend mit den Kumpels trinken, rauchen und manchmal auch tänzelnd umfallen.
Elektro-Immobilität
Mai 2011 – Es war wohl wirklich nur eine Frage der Zeit, der Trend beim Fahrrad geht ja schon länger eindeutig in Richtung Elektro-Fahrrad, im Einzelhandel füllen sie schon ganze Verkaufsräume. Das Nahen der endgültigen Pervertierung war dementsprechend beinahe absehbar: das E-Mountainbike. Alternativ gibt es inzwischen auch Haltevorrichtungen, damit man ein altmodisch unelektrifiziertes Mountainbike bequem im Sessellift mit auf den Berg nehmen kann. Wenn man jetzt sogar schon beim Sport Bewegung und Anstrengung zu meiden sucht, was wird uns da wohl noch alles bevorstehen: vielleicht E-Rollerblades, Jogging-Parcours mit Rollbändern oder
E-Heimtrainer beziehungsweise E-Indoorbikes fürs E-Spinning?!
Ohne Worte
Mai 2011 – Die alten Schätzungen der Stiftung Lesen zur Analphabetenrate müssen deutlich nach oben korrigiert werden. Das Bundesbildungsministerium hat eine neue Untersuchung vorgestellt: 7,5 Millionen funktionale Analphabeten gibt es in Deutschland; 7,5 Millionen erwachsene Deutsche, die beim Schreiben und Lesen zusammenhängender – auch schon einfacher, kürzerer – Texte scheitern, so dass sie in ihrer Sprachanwendung den gegebenen minimalen und als selbstverständlich erachteten gesellschaftlichen Anforderungen nicht gerecht werden. Weitere 13,3 Millionen zwischen 18 und 64 Jahren beherrschen die Rechtschreibung nicht einmal auf Grundschulniveau und lesen Texte mit gebräuchlichen Wörtern nur langsam und/oder fehlerhaft. Zusammen sind das 40 Prozent der deutschen Bevölkerung im Erwerbsalter. 40 Prozent, die in ihrem Alltag das Lesen und Schreiben, wenn möglich, vermeiden. (leo. Level-One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus, Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Universität Hamburg 2011)
Laut unserem regionalen Chef der Agentur für Arbeit brechen 21 Prozent der Lehrlinge ihre Ausbildung ab. Nur die Hälfte von denen fängt danach wieder eine neue Lehre an. Sieben Prozent der Jugendlichen kommen erst gar nicht so weit und verlassen die Schule ohne Abschluss.
Das Bestreben, sich die grundlegenden Kompetenzen für ein selbstverantwortliches Leben und den eigenständigen Broterwerb anzueignen, ist offenbar in weiten Teilen der Bevölkerung gering. Statt zu lernen schauen sie sich lieber in der Glotze an, wie Kabel1 Boris Becker als Retter in Berliner Problemschulen schickt, weil „Boris macht Schule“. Das Anpacken ist passiviert, an Fernsehen und Staat delegiert. Man vertraut auf die Discounter-Werbung, es wäre alles „Besser als wie man denkt!“ (KiK).
Frühkindliche Verziehung
Mai 2011 – Das Magazin Glamour hat eine Fünfjährige auf die Liste der bestgekleideten Stars gewählt (Suri Cruise, die Tochter von Tom Cruise und Katie Holmes). Designerklamotten, High Heels und Make-up halten Einzug im Kindergarten. Voll im Trend daher auch Kinder-Wellness und Beauty-Anwendungen ab vier Jahren: einfache Fuß-, Hand- und Rücken-Massage, ayurvedische Körperölung, Cremepackungen im warmen Wasserbett oder ganz besonders „kindgerecht“ Schoko-Massage, Erdbeerquark-Maske, Schaumbad mit Gurkenbrille, Prinzessin Lillifee-Glitzermassage, Dornröschenpeeling, Schokosahne-Bad, Fred-Feuerstein-warme-Steinmassage und schließlich bei einem Gläschen Kindersekt auch Maniküre und Pediküre mit Nägellackieren, Wellnessfriseur und Schminken vom leichten Tages-Make-up bis zum Wimpernfärben. Von klein auf wird da eine Nachkommenschaft auf narzisstische Nutzlosigkeit konditioniert. Von klein auf wird ihnen die gegebene Leichtigkeit des (Kind-)Seins als Stress eingeredet, den man sich nur im Spa-Resort abkonsumieren kann. Mir graut vor einer Welt, die von lauter Barbies und Kens beherrscht wird.
Aus dem Landtag
Mai 2011 – Eigentlich hätte ich es ja wissen müssen, habe ja sogar selbst schon darüber geschrieben, aber dann war es doch wieder ein Erschrecken ob dieses Trauerspiels der Demokratie: die Plenarsitzung gewählter Volksvertreter eine Bundeslandes. Warum trifft man sich überhaupt in „Voll“versammlungen und überträgt sie sogar live im Internet, wenn das Ganze doch nur als Abgesang des Pluralismus und der (Diskussions-)Kultur daherkommt.
Das kleine Häuflein, das sich die offenbar größtenteils schlecht vorbereiteten und vornehmlich tröge, oft stockend vorgetragenen Redebeiträge antut, hineingetupft in die gähnende Leere des Plenarsaals einschließlich der Kabinettsbänke, beschäftigt sich unübersehbar mit allem, nur nicht mit dem, was gerade zur Diskussion steht. Die Landtagspräsidentin kommt nicht hinterher, zu ermahnen, um immer wieder dem überlauten Geschwätz Einhalt zu gebieten. Es wird gemailt, gesimst und schamlos offen telefoniert, es wird in Kleingrüppchen diskutiert, gegähnt, gedöst und hat man qua entsprechender Konditionierung doch bei einem Stichwort aufgemerkt, wird anstandslos dazwischen geprollt (wenn sich nicht gerade jener, überhaupt nur deswegen in die Sitzung begeben hat, um eben gerade da zu plärren). Gefehlt hat eigentlich nur Essen und in der Nase Popeln.
Besonders tragische Aufzüge sind die dialogischen Inszenierungen der Zwischenfragen. Nicht wegen ihrer Polemik, Schärfe oder weil man den Redner bewusst aus der Reserve locken will. Nein, sondern weil diese Frage-und-Antwort-Zwischenspiele ein einziges unsägliches Aneinandervorbeigerede sind. Da reicht es nicht einmal dazu, dass man den anderen auch nur halbwegs verstanden hätte, geschweige denn dass es einen aufeinander beziehenden Austausch von Argumenten gäbe.
Das Ganze ist derart fad und quälend ermüdend, dass man schon fast wieder Verständnis für die Abwesenden aufbringen möchte. Da hilft es auch nichts, dass regelmäßig beteuert wird, die eigentliche politische Arbeit fände in den Ausschüssen statt (kaum vorstellbar, dass es da anders zuginge) beziehungsweise würde in den Gremien der Ministerien und des Kabinetts abgestimmt. Das Plenum ist und bleibt aber der zentrale Ort der repräsentativen Demokratie. Und wenn die öffentliche pluralistische Auseinandersetzung zwischen den Volksvertretern hinfällig geworden sein sollte – und eben diesen Anschein geben die Plenarsitzungen – dann bräuchten wir gleich nur noch Parteipräsidien und könnten auf die Mandatsträger ganz verzichten. Das Foto mit der Besuchergruppe für die Heimatzeitung reicht allein nicht zur Rechtfertigung.
Bei der wirklichen Auseinandersetzung aller – Rede und Widerrede, Beifalls- und Missfallsbekundungen, Zwischenfrage und Intervention, Stellungnahme und Gegenfrage – ließe sich auch gleich nicht mehr ganz so leicht das Deckmäntelchen des Fraktionszwanges über das Gewissen ziehen (ganz abgesehen davon, dass bei entsprechend intensiver Beschäftigung erheblich weniger Gesetze, weniger Bürokratie zustande käme).
Also, Plenarsaaltüren auf, alle, wirklich alle, rein – Handys, Smartphones, Notebooks und so weiter müssen draußen bleiben – die ganze Truppe auf einen Ehrenkodex zur überzeugenden Rede und durchdachten Gegenrede vergattert und keiner kommt raus, bevor sich nicht zu jeder Debatte eine Zweidrittelmehrheit gefunden hat, diese Debatte zu beenden und über ihr Ergebnis abzustimmen. Oh, wie viel Vernunft könnte derart wieder Einzug in der Politik halten, allein schon weil man plötzlich zuhören müsste und mangels Ablenkung das eine oder andere Mal vielleicht dann sogar mitdächte.
Stresstest
April 2011 – Knapp siebeneinhalb Stunden verbringen die Deutschen durchschnittlich pro Tag mit Erwerbsarbeit (einschließlich Aus- und Weiterbildung) und unbezahlter Arbeit (wie Haushalt, Kinderbetreuung oder Altenpflege) – 445 Minuten täglich, der Rest ist frei. Das ist selbst im OECD-Vergleich äußerst wenig, in den USA sind es über acht Stunden, in Japan neun, in Mexico fast zehn. Im größeren Teil der restlichen Welt ist sowieso der ganze wache Tag von Arbeit geprägt und die Nacht zudem oft kurz. Denen muss es fast wie Hohn klingen, wenn der DGB-Vorsitzende Michael Sommer die deutschen Arbeitszeiten „familienfeindlich und gesundheitsschädlich“ nennt (gegenüber der WELT im September 2008). Kein Wunder, dass alle von Stress reden, bei solchen Souffleuren – mit Tatsachen hat das aber, wie man sieht, herzlich wenig zu tun.
(Datenquelle: Society at a Glance 2011: OECD Social Indicators)
Alter Egos
April 2011 – Noch einmal Zahlen aus Society at a Glance 2011 der OECD: 2008 kamen in Deutschland auf einen Rentner (65+) drei Personen im Erwerbsalter (20 - 64 Jahre) – nur in Italien und Japan war die Situation noch trostloser; 2050 werden es nur eineinhalb im Erwerbsalter sein, die einen Rentner unterhalten müssen. Wer 2050 mit 65 in Rente ginge, wird zudem durchschnittlich noch weit über 20 Jahre leben. Ein selbsterhaltender Teufelskreis: Laut einer Studie des internationalen Wissenschaftsverbundes „Population Europe“ neigen Ältere und Kinderlose dazu, „eine Rentenpolitik zu bevorzugen, die der jüngeren Generation eine größere Last aufbürdet“. Dreimal verloren: Immer weniger Arbeitende sollen für immer mehr Rentner mitverdienen, die davon immer länger zehren und ihre Mehrheit für immer umfangreichere Leistungen einsetzen werden. Da ist uns offenbar ein Instinkt gänzlich abhanden gekommen: die Arterhaltung.
Faites vos jeux!
April 2011 – Nicht nur Finanzprodukte werden zu reinen Spekulationsgeschäften missbraucht, sondern immer öfter auch Nahrungsmittel. Warentermingeschäfte, die Vereinbarung einer Lieferung in der Zukunft zu einem heute fest gelegten Preis, sind schon lange Usus in der Nahrungsmittelbranche. Ursprünglich dienten sie der Preissicherung, für planbare Kosten- und Leistungsstrukturen bei Produzenten und Lieferanten. Mehr und mehr werden die Rohstoffe aber gehandelt, ohne dass von den Akteuren überhaupt ein Interesse an den Waren an sich besteht. Die Nahrungsmittel werden Gegenstand reiner Spekulation ohne realwirtschaftlichen Hintergrund. „So werden beispielweise 3,4 Millionen Tonnen Kakaobohnen im Jahr geerntet, aber etwa 60 Millionen Tonnen gehandelt“, berichtet die ZEIT vom 24. Februar 2011. Die gesamte Ernte wird also 18 Mal verkauft und gekauft, meistens ohne den tatsächlichen Austausch der Waren. Aus solchem Handelsgebaren entstehen künstliche Knappheiten, die sich unweigerlich auch auf die Preise auswirken – laut Handelsblatt stieg etwa der Preis von Kakao an der Londoner Rohstoffbörse innerhalb von fünf Jahren von 1.000 auf 2.200 britische Pfund (09.08.2010); Mitte Juli 2010 hatte ein einzelner Spekulant, Anthony Ward, Kakao im Wert von einer Milliarde US-Dollar gekauft, 241.000 Tonnen, sieben Prozent der Weltproduktion, die Preise sprangen schlagartig auf Rekordniveau. Der ursprüngliche Stabilisierungseffekt der Terminbörsen kehrt sich durch die zunehmenden Spekulationen inzwischen ins Gegenteil um: die Agrarerzeugnisse unterliegen erheblichen Preisschwankungen – nicht weiter wunderlich, nur bei Preisschwankungen können sich Spekulationen rentieren, umso volatiler, umso lukrativer. Bei Weizen oder Mais mit direkten Auswirkungen auf den Hunger in der Welt.
Die tatsächliche Abkoppelung einzelner Teile der Wirtschaft, namentlich der Finanzwirtschaft, von der Wertschöpfung ist spätestens in der Subprime-Krise überdeutlich geworden. Da war es den Kasino-Bankern ja sogar gelungen, den Anschein zu erwecken, dass sie aus Stroh Gold spinnen könnten (aus maroden Immobiliendarlehen rentable Anlagen). Mit der Idee einer Marktwirtschaft im Erhardschen Sinne hat das nichts mehr gemein. Für Ludwig Erhard und dessen Vordenker hatte die Wirtschaft keinen Selbstzweck, sondern es ging allein um ihren Nutzen für die Verbraucher, die Menschen, das Volk. Treten Sie doch einmal gedanklich mit mir einen Schritt zurück von den abstrahierenden Komplexitäten der modernen Wirtschaftswelt: Wirtschaft ist doch in Wirklichkeit nicht mehr als die arbeitsteilige Organisation der Sicherstellung des Lebensunterhalts. Und genau danach ist die moralische Rechtfertigung einzelner Wirtschaftsakteure beziehungsweise deren ordnungspolitische Eingrenzung abzuleiten: am Beitrag zur Wohlfahrt der Bevölkerung. Umso partikulärer der Nutzen, umso weniger die moralische Berechtigung des Nutznießers.
Die perfiden Spekulationen mit Nahrungsmitteln erzeugen über künstliche Knappheiten und Preisvolatilität massenhaft Wohlfahrtsverluste zu Gunsten einer sehr überschaubaren Zahl von branchenfremden Kapitalanlegern. Das ist, wie wenn man beim russischen Roulette einem anderen die Pistole an den Schädel hält.
Ausgesprochen unausgesprochen
April 2011 – Zweieinhalb Stunden (158 Minuten) verbringen Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren durchschnittlich täglich am Bildschirm mit Fernsehen (98 Minuten), Internet-Surfen (24 Minuten) und beim Spielen am Computer oder mit der Konsole (36 Minuten) laut KIM-Studie 2010 (Kinder + Medien, Computer + Internet; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest). Gelesen wird durchschnittlich 21 Minuten täglich, ein Fünftel der Kinder gibt an, in der Freizeit nie zu lesen (der Anteil lag 2005 noch bei sieben Prozent), 44 Prozent lesen zurzeit kein Buch.
Da zeichnet sich mehr als bloß ein medialer Wandel ab. Es verändert sich die Kommunikation. Aufgrund der Passivität des Bildschirmmedienkonsums werden unweigerlich weniger Kommunikationskompetenzen erworben (beim Fernsehen lernt man ja nicht Filme zu machen, wie man beim Lesen Ausdrücken und Schreiben lernt). Die individuelle Fähigkeit, Bestandteil des gesellschaftlichen Gedankenaustausches zu sein, nimmt entsprechend ab. Die vordergründige Dimensionserweiterung moderner Medien durch bewegte Bilder und Ton trügt. Weil eben die Medien nicht erlernt, sondern nur konsumiert werden. Der Austausch von Handy-Fotos und -Filmchen via MMS, Facebook und YouTube kann die Ausdrucksvielfalt und Gestaltungsspielräume sprachlicher Auseinandersetzung nicht ersetzen. Kommunikation wird passiviert und trivialisiert.
Winter Wonderland
März 2011 – Zauberteppich, Teppichlift, ein langsam laufendes Förderband als Skilift für Anfänger in den Skischulen – nicht neu, aber passend zum Ende der Skisaison auch hier einmal eine Erwähnung wert. Vorne werden die kleinen Skipüppchen draufgestellt und oben wieder runtergehoben. Andernfalls könnte das Erlernen dieses Sports ja tatsächlich mit Bewegung verbunden sein. Von einem Freund hab ich die Geschichte, dass sich die Skilehrer an einem windigen Tag entlang des Fließbandes aufgestellt hatten, weil die Kinder immer runtergekippt sind und unterwegs öfter wieder aufgestellt werden mussten. Die Eltern der Skipüppchen fahren dann derweilen im Sessellift mit Wetterhaube und Sitzheizung (Hochfügen-Hochzillertal) – der Bequemlichkeit halber wohl bald rauf und runter.
ish hasse disch einfach
März 2011 – Am Beispiel iShareGossip.com (übers.: ich teile Geschwätz) offenbart sich unsere naive Hilflosigkeit im politischen Umgang mit dem Internet. Einziges Ziel dieser deutschsprachigen Website ist die schrankenlose, anonyme Hetze auf (Mit)Schüler. Ohne Anmeldung und unter Zusicherung absoluter Anonymität können Schüler auf der Website ihren rechtschreibfreien Unflat über andere ausgießen, sauber geordnet nach Bundesländern, Städten und Schulen – „[Name] du hurentochter du halt lieber mal ganz schnell deine fresse bevor ich mein …“, „ja dich du wixxa ich geb dir mittwoch nach ausflug ein nacken wenn ich dich sehe“, „ihr mistqeburten kinder einfach hänqt euch auf“, „[Name] hässlig fett knecht schwul hab undd nicht fettttttttttttttt zu vergessen“, „vallah ihr kleinen mistkinder ich focke eure toten ihr hundesöhneee“. Eine schier endlose Multiplikation von gemeinen, rassistischen und sexistischen Beleidigungen und Kommentaren darauf, deren Spektrum ich hier aus Anstand gegenüber meinen Lesern nicht einmal annähernd wiedergegeben kann.
Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat die Seite inzwischen auf Betreiben der Bundesfamilienministerin indiziert, deutsche Suchmaschinen zeigen die Website daher (freiwillig) nicht mehr an und Jugendschutzfilterprogramme blockieren die Adresse. Damit hat die Staatsmacht aber offenbar ihr Pulver verschossen. iShareGossip ist unverändert erreichbar. Die komplette Sperrung der Seite ist in Deutschland rechtlich nicht möglich, weil der Host von iShareGossip im Ausland sitzt, in Schweden. Das aber ist doch die Kapitulation des Rechtsstaates. Was offline unmittelbar konsequentes und abschließendes staatliches Eingreifen bedingen würde – wenn solch persönliche Angriffe zum Beispiel als Zeitung herausgegeben würden – wird online resignierend geduldet. Der Staat sieht tatenlos zu, wie die Würde seiner Bürger mit Füßen getreten wird.
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“, ist der kategorische Imperativ in Artikel 2 unseres Grundgesetzes. Wer sein Recht auf freie Meinungsäußerung derart systematisch und absichtlich missbraucht, indem er vorsätzlich oder auch nur billigend in Kauf nehmend ein Medium anbietet, das auf nichts anderes als Beleidigung, üble Nachrede und Volksverhetzung abzielt, der gehört verboten, abgeschaltet, gesperrt. Und wenn die rechtlichen Voraussetzungen dazu in Deutschland und Europa noch fehlen, dann ist die Legislative gefordert, sie zu schaffen. Nicht um die Meinungsfreiheit zu beschränken, sondern um die Angriffe auf die Lebensfreiheit zu verhindern.
Abgezählt
März 2011 – Epson, Canon, Brother (und es wäre ein Wunder, wenn nicht auch andere Hersteller) schalten ihre Tintenstrahldrucker nach einer bestimmten Anzahl von Ausdrucken planmäßig auf defekt. Ein Zähler-Chip, „waste counter“ oder kryptischer „protection counter“ genannt, generiert nach der voreingestellten Zahl der vorgesehenen Drucke eine Fehlermeldung und blockiert alle weiteren Druckversuche. Dahinter steckt nun nicht ganz ausschließlich Profitgier, sondern wohl auch ein gewisser realer Hintergrund – nämlich der geschätzte Füllstand für den Auffangbehälter der bei der Druckkopfreinigung anfallenden Alt-Tinte. Das ändert aber nichts daran, dass sich der Drucker unabhängig vom tatsächlichen Verschleiß vorprogrammiert selbst verschrottet. Wahrscheinlich wäre das Gerät ganz ohne Eingriffe noch lange voll funktionsfähig, in jedem Fall wäre es aber ein Leichtes die Alt-Tintebehälter auswechsel- oder auswaschbar zu machen.
Nun wird man einwenden, dass bei Anschaffungspreisen ab 30 Euro (!) kein druckendes Perpetuum mobile zu erwarten sein kann und natürlich wird hier profitabel mit der Dummheit der Geiz-ist-geil-Käufer jongliert. Aber selbst bei einem Bleistift für ein paar Cent erwarte ich von einem ehrbaren Anbieter, dass er mir den nicht mit vorgebrochener Mine verkauft, und der Bleistift gegebenenfalls auch noch als Stummel hinreichend dienlich ist. So aber werden schamlos Käufer hinters Licht geführt und verantwortungslos ressourcenzehrende Drucker-Müllberge fabriziert.
Derartiges Wirtschaften klinkt sich aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang aus. Das Restrisiko schlechten Gewissens wird in den anonymen Verantwortungshierarchien der Großkonzerne bis zur Unkenntlichkeit kreuz- und quergemanagt. Ein mit dem eigenen Namen für sein Produkt einstehender Familienunternehmer würde hingegen einen „waste counter“ seinem Entwicklungsingenieur um die Ohren hauen. Weil er weiß, dass, wenn so etwas ruchbar würde, sein Ruf und damit seine künftigen Absatzchancen ruiniert wären – und würde er sich auch noch so sehr als billiger Jakob anbiedern wollen. Die direkte Verknüpfung von Produkten oder Dienstleistungen mit einer haftenden Person ist das Fundament einer verantwortlichen und damit viel eher nachhaltigen Marktwirtschaft. Haftung ist ein Schlüsselwort für die zukunftsfähige Gestaltung des Wirtschaftens. Wo wären wir wohl heute zum Beispiel in der Entwicklung der regenerativen Energieversorgung, wenn die Vorstände und Aufsichtsräte der Energiekonzerne die Haftung für die Endlagerung des von ihnen produzierten Atommülls tragen müssten? Wie viel leichter wäre die Staatsverschuldungskrise in der Euro-Zone zu lösen, wenn die Profiteure der hochverzinslichen Staatsanleihen nun auch ihren Teil am Staatsbankrott etwa Griechenlands tragen müssten, indem sie einen beachtlichen Teil ihrer Forderungen abschreiben? Wäre der Kasinokapitalismus der Subprime-Krise so weit getrieben worden, wenn auch nur ab und wann in dem ganzen Karussell einmal einer ganz persönlich seinen Kopf (und sein privates Vermögen) hätte hinhalten müssen?
Spiel ohne Grenzen
März 2011 – Die Multifamilientherapie nach Eia Asen und Michael Scholz ist ein wirksames Verfahren gegen Magersucht oder Bulimie bei Kindern. Ein Leitgedanke dieses systemischen Ansatzes ist „Eltern müssen wieder Eltern werden“. Dementsprechend lernen die Eltern im Laufe der Therapie, die notwendige elterliche Autorität durchzusetzen. Sie lernen, ihren Kindern Grenzen zu setzen.
Nun wäre es billig, im Umkehrschluss allein den Eltern die Schuld für die Erkrankung ihrer Kinder in die Schuhe zu schieben. Da können wohl auch viele andere Gründe mitwirken oder sogar hauptursächlich sein. Trotzdem macht es einmal mehr die notwendige Auseinandersetzung in der Erziehung deutlich. Lernen, Heranwachsen heißt Grenzen des Vermögens und des Möglichen auszutesten, auch Grenzen zu übertreten und die Konsequenzen daraus zu erfahren. Das kann aber nur funktionieren, wenn es Grenzen gibt, wenn sie nötigenfalls gesetzt werden und Übertritte sanktioniert werden. Und wer könnte diese Aufgabe besser, liebevoller übernehmen als die Eltern?
Die grassierende Erziehungsverweigerung, weil man sich schon nachmittags nicht mehr aus dem Fernsehsessel aufraffen kann oder aus anderen Gründen der antiautoritären Bequemlichkeit erliegt, ist ein Verbrechen an den Kindern und letztlich damit auch an unserer Gesellschaft. Passen Sie einmal auf, wie viele ungestörte Sätze sie mit einer Mutter/einem Vater in Anwesenheit ihres/seines Kindes wechseln können (ohne dass es dieser Mutter/diesem Vater überhaupt noch auffiele, dass man ob der laufenden Unterbrechungen keinen einzigen Gedanken zu Ende bringen konnte), oder ob das Ü-Ei an der Kasse doch im Einkaufswagen liegt, obwohl dem nölenden Kind zuvor im Laden schon zigmal versichert worden war, dass es heute nichts gibt, oder wie lange „aber nur eine halbe Stunde“ Computer spielen in der Regel so dauert …
Am Pulsmesser der Zeit
Februar 2011 – Nach was strebt unsere Gesellschaft? Volkseinkommen, Wohlstand, Gesundheit, Glück …? Wie messen wir den Erfolg dieses Strebens? Welche Schlüsse zieht die Politik aus dieser Erfolgskontrolle? – Auf all diese Fragen gibt es derzeit nur eine Antwort: Wachstum des Bruttoinlandsproduktes. Aber macht das wirklich Sinn?
Denkt weiter!, ein Beitrag zur Debatte:
Link zur veröffentlichten (kürzeren) Fassung in der ZEIT Nr. 8,17. Februar 2011
Download des ganzen Essay: "Was wir messen, bestimmt, was wir tun" [105 KB]
Außenbeitrag
Februar 2011 – Karl Popper war überzeugt und berief sich dabei auf Voltaire, dass wir die Toleranz zerstören, wenn wir die Intoleranz tolerieren. Intoleranz untergräbt die Basis menschlichen Zusammenlebens. Was könnte zersetzender wirken, als wenn in einer Gemeinschaft einzelne sich für unfehlbar erklären? Fundamentalismus und Diktatur sind daher regelrechte Verkörperungen der Intoleranz. Das sollte uns nicht nur bei den Taliban, al-Qaida oder den Muslimbrüdern bewusst sein, sondern auch wenn wir für Absatzmärkte, also zur Steigerung unseres Wohlstandes, mit Diktatoren kollaborieren.
Die Aufstände im Maghreb haben gerade unser von Djerba-Stränden und Rotem Meer weichgezeichnetes Bild ein wenig aufgeklärt. In Libyen ganz offenbar, wenn Muammar al-Gaddafi die Intoleranz auf die Spitze treibt, indem er Andersdenkende nicht nur nicht toleriert, sondern von seinen Söldnern abschlachten lässt.
Nutzen wir die Gunst der Stunde und schauen mit klarerem Blick zum Beispiel nach Weißrussland; dort hält sich Alexander Lukaschenko seit 1994 mit getürkten Wahlen und massiven Menschenrechtsverletzungen an der Macht und Deutschland exportierte 2009 für 1,6 Milliarden Euro Waren dorthin, seit Mai 2009 ist Weißrussland dezidierter Ost-Partner der EU. In Äthiopien unterhält Meles Zenawi wahrscheinlich Internierungslager für Zehntausende oppositioneller politischer Gefangener und regiert seit 1991, bei den letzten Parlamentswahlen 2010 mit einer angeblichen Wahlmehrheit von 99,96 Prozent für das Regierungsbündnis, allein für die Partei Zenawis 91,2 Prozent – für 126 Millionen Euro verkaufte Deutschland 2009 nach Äthiopien; der bloßen Summe nach nicht unbedingt viel, es ist aber auch eines der ärmsten Länder der Welt. Oder natürlich China: 2009 haben wir für 37,2 Milliarden Euro exportiert und für 56,7 Milliarden Euro von rechtlosen chinesischen Hungerlöhnern produzierte Waren eingeführt. Da tolerieren wir offensichtlich nicht nur die Intoleranz, sondern bereiten ihr sogar den Boden. Vorm jüngsten Gericht unserer selbst verfassten Werteordnung werden wir uns einmal nicht nur wegen unterlassener Hilfeleistung, sondern zudem wegen Beihilfe verantworten müssen.
Zum Schornstein hinausgejagt
Februar 2011 – Täglich verbrennen wir rund 14,2 Milliarden Liter Erdöl. Was soll man da noch viel mehr dazu sagen. Wenn einem allein angesichts der schieren Größe der Zahl die unweigerliche Endlichkeit dieser natürlichen Ressource nicht klar wird, wie sollte man es dann noch veranschaulichen. Mit dem, was pro Jahr verbraucht wird? 5.182.111.384.531 Liter! Tendenz steigend.
Wir sind aber auch Milliarden Menschen. Würde jeder OECD-Bürger am Tag nur einen einzigen Liter Öl sparen, könnten wir den Weltverbrauch um gut acht Prozent reduzieren. Dazu müssten wir nur zum Beispiel ungefähr zehn Kilometer weniger mit dem Auto fahren. Wir haben also selbst einiges in der Hand.
Buchführung
Februar 2011 – Facebook ist lieb. Deswegen will es dir helfen, deine Freunde zu finden. Wer sich bei Facebook neu anmeldet, dem wird der Friendfinder angeboten. Wenn man zustimmt, durchforstet ein Programm automatisch den Computer oder das Smartphone nach Adressbeständen und lädt alles, was es findet, auf die Facebook-Server hoch. Mit den Daten kann einem der Dienst dann gleich beim ersten Besuch ein paar Bekannte vorschlagen, die schon Mitglied sind und mit denen man sich dann auch virtuell verbandeln kann – damit man sich am Anfang nicht so allein fühlt, echt nett gell. Als kleinen Lohn für die Nettigkeit behält sich Facebook die Adressdaten, um zum Beispiel diejenigen darunter mit E-Mails zu penetrieren, die noch keine Nutzer sind. Bei derzeit 15,1 Millionen Mitgliedern in Deutschland heißt das: Facebook kennt uns alle. Uns und unsere Beziehungen.
Wer bei Googles kostenlosem E-Mail-Dienst ein Konto einrichtet, erlaubt Google die darüber abgeschickten und eingehenden Nachrichten zu lesen beziehungsweise nach Schlagwörtern zu durchsuchen, um gezielte Werbeangebote unterbreiten zu können. „Google scannt den Text von Google Mail-Nachrichten […] Google verwendet diese Scan-Technologie auch, um zielgerichtete Textanzeigen und andere verwandte Informationen liefern zu können“, heißt es in den Datenschutz-Erläuterungen von GoogleMail. Google weiß, was wir wollen.
Im November 2010 hat Facebook seine Social Inbox vorgestellt, mit der das Unternehmen den Kommunikations-Markt revolutionieren will, indem es klassische E-Mail, Instant Messaging, SMS, Chats und ähnliche Dienste in einer Anwendung integriert. Inklusive einem unbegrenzten Speicher aller jemals darüber abgewickelter Nachrichten (der auch nach einer Abmeldung nicht gelöscht wird). Dann weiß Facebook bald, was wir denken, gedacht haben und denken werden – und wird uns dann entsprechende Informationen anbieten.
Schon jetzt lassen sich zum Beispiel allein aufgrund von Google-Suchanfragen Zukunftsvorhersagen ableiten (das Institut zur Zukunft der Arbeit IZA in Bonn prognostiziert damit zum Beispiel die Arbeitsmarktentwicklung einen Monat voraus). Was erst, wenn an einer Stelle verschiedenste persönliche Daten, all unsere Kommunikation, unser Beziehungsnetzwerk und zunehmend auch geografische Daten (über Fotos mit eingebetteten GPS-Daten oder die Ortung von Smartphones) gespeichert sind und analysiert werden können?
Natürlich sind diese Dienste alle bequem. Aber hat denn diese Bequemlichkeit unsere Vernunft schon so sehr vernebelt, dass wir aus eigenem Antrieb die umfassende, annähernd irreversible und vor allem vollkommen unkontrollierbare Aufgabe der Hoheit über die Speicherung und auch Verarbeitung unserer privaten Informationen betreiben. Selbst ohne jemandem irgendeinen bösen Willen bei der Verwendung dieser Datensammlungen zu unterstellen, wollen wir denn wirklich, dass immer mehr für uns gedacht wird, anstatt dass wir selber denken? Wollen wir in rapide wachsendem Umfang unser Leben in die Hand von Algorithmen legen?
Man existiert auch, wenn man nicht in Facebook ist. Wirklich. Sogar wirklicher.
Haarscharf
Januar 2011 – Schneepflug-Komfort-Schutz, mit Mineralöl verbesserte Gleitfähigkeit des Lubrastrip, Präzisionstrimmer, pulsierende Mikroimpulse, Elastomer-ummantelter Griff, 5-Klingen-Technologie – nein, das sind keine Einzelheiten der quälenden Tötungsapparatur In der Strafkolonie von Kafka. Tatsächlich ist hier die Rede von der tragischen Evolution der Nassrasur. Für das, wofür früher nicht viel mehr als eine scharfe Klinge und etwas Geschick bei der Handhabung von Nöten waren, braucht es heute „30 individuell aufeinander abgestimmte Komponenten“, „acht Jahre intensiver labortechnischer und klinischer Forschung“, 20 Patente und eine Batterie. Das nutzlose Ende einer noblen Kultur. Aftershave brennt heute auch nicht mehr – ich empfinde das als Verlust.
RTL-Leitkultur
Januar 2011 – 7,68 Millionen Deutsche haben sich am 26. Januar Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, landläufig Das Dschungelcamp, angesehen. 8,66 Millionen Zuschauer waren in der aktuellen fünften Staffel dieses Formats bisher die Spitzenquote. Tag für Tag ergötzt sich jeder zehnte Deutsche an perversen Bloßstellungen abgetakelter Sternchen und öffentlichkeitssüchtiger Ex- und Möchte-gern-Promis. In Kakerlaken suhlen, mit Aalen baden, in Spinnen, Skorpionen (?), Schlangen oder Ratten wühlen, unter Fischinnereien und Fischabfälle tauchen, mit Schleim duschen oder lebendige Regenwürmer, Grillen und Mehlwürmer, Krokodils-, Schafs- und Fischaugen, einen Krokodil-Penis (am Stil), eine Kamel-Anus und Hirsch-Hoden essen und dazu gequirlte Maden und Mehlwürmer oder vermatschte Tiergenitalien, pürierte Emu-Leber und Rattenhirn trinken. Das ist, sein Sie mir nicht böse, einfach zum Kotzen – nicht diese überdrehten Persiflagen kindischer Mutproben, sondern die Masse der begeisterten Zuseher.
Wie weit sind wir noch entfernt, dass wir für den Fernseh-Thrill zur bloßen Unterhaltung das Recht auf körperliche Unversehrtheit ganz aufkündigen? Wie lange dauert es noch, bis die furchteinflößenden Utopien der siebziger und achtziger Jahre, wie in Running Man oder Das Millionenspiel verfilmt, wirklich werden? Wann brauchen wir Blut, um noch werbeträchtig Quote zu machen?
Der Vergleich mit den Tierhatzen und Gladiatorenkämpfen in den römischen Zirkusspielen drängt sich unweigerlich auf. Panem et circenses – Brot und Spiele – meinte Juvenal damals dazu und prangerte damit die Entpolitisierung der Gesellschaft an, die nur noch satt und hinreichend kurzweilig abgelenkt sein wollte. Brot und Spiele, bedingungslose soziale Vollkaskoversicherung und Privatfernsehen?! So unlauter trivial dieser Vergleich erscheinen mag, so oft wird mir doch eben dieses Gefühl gerade von Verantwortungs- und Leistungsträgern und durchaus tiefsinnig Denkenden bestätigt. Ein Grauen für jeden, der unsere Zukunft in Subsidiarität und aktiver Zivilgesellschaft wähnt.
Der Berg schweigt
Januar 2011 – Der vordergründige Inbegriff des sanften Wintertourismus, nur das durchpflügen, was man sich vorher aus eigener Kraft und durch Ausdauer erkämpft hat: Tourenskigehen. Ein faires Miteinander von Mensch und Berg – schafft der Mensch es, den Berg ein Stück weit zu bezwingen, sei ihm auch das Recht, die Natur für sich zu nutzen, zugebilligt. So fragwürdig aber an sich schon eine Ableitung von Rechten aus solch vermeintlichen Leistungen ist – wer würde zum Beispiel einem Vielfahrer allein wegen seiner Kilometerleistung irgendwelche Verpflichtungen der Straßenverkehrsordnung erlassen – pervertiert es sich spätestens dann, wenn dieser Anspruch massenhaft wird.
Den Kolben bei Oberammergau kann man nun auf künstlich beschneiten Wegen und mit Untertunnelung der (Liftfahrer)piste für das kollisionsfreie Nebeneinander erklimmen. Wenn der Trend so weiter geht, wird auch bald die Skihalle im wüsten Dubai über einen neuen Anbau nachdenken müssen.
Also lautet ein Beschluss
Januar 2011 – Auch verbeamtete Lehrer dürfen streiken, das hat das Düsseldorfer Verwaltungsgericht mit Bezug auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte entschieden. In der weiteren Begründung hieß es außerdem, dass Lehrer „nicht zum beamtenrechtlichen Kernbereich“ gehören würden!? Aha!?
Nun, lässt man einmal außen vor, dass sich aus der Verbeamtung eigentlich eine besondere Verpflichtetheit ableiten lassen sollte, bietet der Beamtenstatus doch ganz bewusst Schutzrechte, die eigentlich in hohem Maße Loyalität gegenüber dem Dienstherrn – sprich dem Staat, sprich unserem Gemeinwesen – gebieten (es wird ja niemand gezwungen Beamter zu werden, oder?). Und auch einmal ganz abgesehen davon, dass es sich Lehrer ganz gut einteilen könnten, ihr Menschenrecht auf Koalitionsfreiheit in der unterrichtsfreien Zeit wahrzunehmen (und nicht mit Warnstreiks während der Schulzeit ganz bewusst ihre persönlichen Interessen zu Lasten der Gesellschaft vertreten müssten). Das alles einmal beiseite, könnte einen das Urteil ja hoffnungsvoll stimmen. Die Richter sind offenbar überzeugt, dass Lehrer nicht wirklich Beamte sind. Dann sollten sie es auch nicht sein.
Die Notwendigkeit einer halbwegs aufgeklärten Bevölkerung für die demokratische Verfassung einer Gesellschaft genauso wie die Bedeutung von Bildung für das Wohlergehen der Bundesrepublik Deutschland würden wohl durchaus einen hoheitlichen Auftrag begründen. Bei dem heutigen Wissen über die Rolle des frühkindlichen Lernens, müsste dann aber längst auch den Erzieherinnen in Kindertagesstätten die Beamtenlaufbahn eröffnet werden.
Insbesondere aber verführt der Beamtenstatus gepaart mit der Unabhängigkeit in der Ausübung nicht wenige im Lehrerberuf zu arg eigenbrötlerischen Zieldefinitionen und Arbeitsweisen und eben gerade zum Drücken vor der Verpflichtetheit in den unterschiedlichsten Facetten. Diejenigen stellen die Idee eines Beamten als Diener des Volkes geradezu auf den Kopf. Ja, ja das lässt sich auch über andere Beamte klagen, hat aber selten so weitreichende Folgen wie bei Lehrern. Es macht eben einen Unterschied, ob man einen Antrag auf Zuteilung einer Mülltonne oder ein Kind unwillig bearbeitet. Und von fahrlässiger Nachlässigkeit bis zum vorsätzlichen Unwillen reichen die möglichen und tatsächlichen Vertuschungen unter dem Deckmantel des Beamtentums – vom Unterricht per schier endloser Aneinanderreihung unkommentierter Videos bis zur Arbeitsverweigerung durch vorgeschützte, nicht objektiv diagnostizierbare Erkrankungen.
Um die anderen, die besonders engagierten Lehrer und auch die, die ihren Beruf einfach nur ernst nehmen, mache ich mir dabei keine Sorgen – denen werden sich ohne die starren Laufbahn- und Besoldungsregelungen der Beamten wohl eher Chancen eröffnen, als dass ihnen daraus Risiken erwachsen.
Gebeuteltes Land
November 2010 – Es ist ja schon schwer nachvollziehbar, weshalb man für etwas so Simples wie Reiskochen die Plastiktüte von Onkel Ben oder anderen ausgekochten Ausbeutlern braucht. Für eine eklatante Käufergruppe scheint aber inzwischen sogar die Portionierung und Zubereitung von Nudeln eine unbeherrschbare Herausforderung geworden zu sein, so dass Birkel jetzt auch die Pasta eingesackt hat. Wird einem davon übel, hat man wenigstens gleich eine Tüte zur Hand.
Denksport
November 2010 – Telefongewinnspiel auf Sat1 während einer Fußballübertragung: „Was ist die Lieblingsinsel der Deutschen?: A. Mallorca oder B. Wertstoffinsel.“ – Ah, welch unerwartetes Gespür für tiefsinnige Ironie beim privaten Fernsehen. Wo vordergründig scheinbar die totale Verblödung Einzug hält, werden wohl tatsächlich die großen Daseinsfragen auf den Punkt gebracht: Mallorca oder Wertstoffinsel? – Volle oder leere Flasche? Wegsein oder Wegwerfen? Ruhestand oder Wiederverwertung?
Auf kleiner Flamme
November 2010 – Nach Schätzungen der Betriebskrankenkassen leiden heute in Deutschland angeblich neun Million Menschen an Burn-out (Quelle: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information). Der Wohlstand frisst seine Kinder? – Merkt denn wirklich niemand mehr, wie vollkommen unrealistisch inflationär wir uns selbst der Überforderung bezichtigen? Neun Millionen, das wäre ein Viertel aller deutschen Arbeitnehmer! Laut Weltbank müssen beinahe drei Milliarden Menschen auf der Welt mit weniger als zwei US-Dollar regionaler Kaufkraft auskommen und sich dafür in aller Regel Tag für Tag ausweglos rund um die Uhr schinden und gerade wir brennen in unserer durchschnittlichen 35,8-Stundenwoche massenhaft aus? Natürlich bedeutet ein Durchschnitt, dass auch bei uns viele deutlich mehr leisten müssen – die davon hauptsächlich Betroffenen, wie Selbständige, Landwirte oder akademische Berufe, beklagen aber gerade besonders wenig ihre Belastungen. Nein, nicht das Leiden-Müssen nimmt bei uns zu, es verschieben sich die Grenzen des Erträglichen. Was für die Betroffenen natürlich auf das Gleiche hinausläuft, aber nicht für die moralische Verpflichtung zur Beihilfe aus der Solidargemeinschaft. Aber auch darüber hinaus kann es uns nicht egal sein: Auf welchen starken Schultern wollen wir denn eine Zukunft bauen, wenn bald jegliche Verpflichtung zur Quelle scheinbar unbewältigbarer Überforderung wird?
Nackte Tatsachen
November 2010 – Gemäß der aktuellen Studie Risks and Safety on the Internet des EU Kids Online Network (www.eukidsonline.net) hat ein Viertel der europäischen Kinder (9 bis 16 Jahre) im letzten Jahr pornografische Bilder oder Videos im Internet angeschaut – jeder zwanzigste regelmäßig mehr als einmal die Woche. Der Durchschnitt wird erwartungsgemäß von den Teenagern deutlich nach oben gedrückt, aber auch unter den 9- bis 10-Jährigen waren es 11 Prozent und unter den 11- bis 12-Jährigen 18 Prozent die im vergangenen Jahr online Pornos angeschaut haben. Bei der Allgegenwart und Unverhohlenheit derartiger Inhalte im Web ist das wenig verwunderlich. „Ich hab mit Cedric online gespielt und wir gerieten in irgendwas wie Sex und es war überall auf dem Bildschirm“, meinte ein 11-jähriger belgischer Junge. Wie dicht unsere Kinder an Hardcore-Sites beim Surfen dran sind, kann sich jeder selbst einfach vor Augen führen: Geben Sie „Teen“ bei der Bildersuche von Google ein und schalten Sie (mit zwei Klicks neben der Eingabezeile) SafeSearch aus.
Besonders erschreckend ist aber die Unbedarftheit der Eltern. Von den Kindern, die mit pornografischen Inhalten konfrontiert gewesen waren, wussten es zwei Drittel der Eltern nicht beziehungsweise gingen sogar 41 Prozent ausdrücklich davon aus, dass so etwas bei ihren Kindern nicht vorkomme. Nicht das Internet ist riskant, sondern die mangelnde Auseinandersetzung mit diesem Medium. Wer seine Kinder – laut dieser Studie – täglich durchschnittlich eineinhalb Stunden surfen lässt und dann nicht einmal ahnt, was ihnen da alles unterkommt, der muss sich Verantwortungslosigkeit oder Bequemlichkeit vorwerfen lassen. Ohne Auseinandersetzung mit den modernen Medien, nur mit Medienkonsum, wird der Cyberspace zum moralfreien Raum der Contentprovider-Interessen und die Informationsgesellschaft zur Horrorvision.
Auge um Auge
Oktober 2010 – Kennen Sie das Problem auch: müde Männeraugen. – – Nein? Tja, ich eigentlich auch nicht. Ganz abgesehen davon, dass ich mir zwar einen müden Blick, aber nur schwer müde Augen vorstellen kann. Wie auch immer, wer morgens dumm aus der Wäsche guckt, kann sich jetzt den Men Expert Hydra Energy Augen Roll-on von L'Oréal Paris aufs Auge drücken lassen. Das Ergebnis (laut Herstellerangaben): Die Augenringe wirken wie aufgehellt. Schau mir auf die hellen Ringe, Kleines.
Sprühender Geist
Oktober 2010 - Die Volksverdummung eskaliert. Sarrazin hat irgendwie doch recht: Es scheint zumindest erblich zu sein, dass wir nichts dazulernen.
Schweig Bub
Oktober 2010 – Für jeden fünften deutschen Nachbarschaftsstreit ist Kinderlärm der Grund (repräsentative FORSA-Umfrage 2010 im Auftrag der Techniker Krankenkasse). Besonders bedenklich, da doch die Kinder eh immer mehr Zeit still am Fernseher, dem Computer oder mit der Spielkonsole verbringen. Zugegeben, Kindern Grenzen zu setzen, kommt offensichtlich immer mehr aus der Mode, wohl auch was das Lärm-Machen betrifft. Aber ebenso, und das ist hier eigentlich ausschlaggebender, die Selbstverständlichkeit der Anwesenheit von Kindern.
Das Kind an sich ist Rarität geworden. Das Laut gebende schon gleich gar. In München zum Beispiel leben in 83,3 Prozent der Haushalte keine Kinder (Stand: 2008). Da darf nur des Deutschen liebstes Kind, Krach machen – das Auto.
Wie groß ist deiner?
Oktober 2010 – „Der PS-Knick im letzten Jahr durch die vielen Klein- und Kompaktwagenverkäufe ist ausgebügelt“, meint das Center Automotive Research in der ZEIT vom 9. September 2010. Da wäre doch letztes Jahr glatt zu befürchten gewesen, dass die deutschen Autokäufer abwrackprämiengetrieben zur Vernunft gekommen sind: Die mittlere Leistung der verkauften Neuwagen war 2009 von 131 auf 118 PS gesunken. Doch in der ersten Jahreshälfte 2010 jagen die nagelneuen Potenzkrücken schon wieder mit durchschnittlich 130 PS durchs Dorf – Tendenz weiter steigend.
1.721.162.000.000
September 2010 – 1,72 Billionen Euro explizite Schulden der öffentlichen Haushalte zum 30.6.2010. Allein im ersten Halbjahr eine Steigerung von 1,7 Prozent. Eigentlich nichts Neues. Es wird ja eh immer mehr. Peer Steinbrück hat mal auf die Frage, was er angesichts der stetig ausufernden Staatsverschuldung seinen Kindern zu tun empfehlen würde, gemeint: Dagegen demonstrieren! – Wo sind sie geblieben?
Soziales Netz
September 2010 – Jetzt ist es passiert. Der Zugang zum Internet ist zum Menschenrecht avanciert. Zu Hause offline ist menschenunwürdig. Die neue Berechnung der Hartz IV-Sätze berücksichtigt ausdrücklich einen eigenen Internetanschluss für das soziokulturelle Existenzminimum. Der Gang zu einem öffentlichen Zugang – etwa in Büchereien, bei Arbeitsagenturen, in Jugend- und Stadtteilzentren oder in Volkshochschulen *) – ist offenbar existenziell unzumutbar. Es drängt sich die Frage auf, ob das, genauso wie die GEZ-Befreiung, im Hinblick auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung ins Erwerbsleben nicht eher kontraproduktiv wirkt. Ganz zu schweigen davon, dass beim Glotzen und Surfen von einem Gebot der Solidarität wohl kaum die Rede sein kann.
*) 147 öffentliche Stellen mit kostenlosem Internetzugang gibt es zum Beispiel in Berlin (Quelle: Webkatalog der Stiftung Digitale Chancen)
Möge die Macht mit euch sein
September 2010 – Power-Balance heißt die Jedi-Macht für jedermann. Ein Stück Silikon, vorzugsweise am Arm getragen, „in einem speziellen Prozess hergestellt“ bei dem ein „Mylar-Hologramm programmiert wird“, um „den natürlichen Energiefluss des Körpers zu optimieren“. Das Original Power Balance ® Armband kostet entsprechend mächtige (merke: Preis wirkt als Qualitätsindikator) 39,90 Euro – bei Herstellungskosten eines besseren Weckgummis. Laut der italienischen Tageszeitung La Stampa „ist das wundersame Objekt am Puls von Fußballspielern, Filmstars und gekrönten Häuptern wie der Infantin der spanischen Krone gesehen worden“. Nun wusste schon Esther Vilar in Der betörende Glanz der Dummheit, dass Berühmtheit nicht unbedingt mit Intelligenz korreliert: „Die auf dem Gipfel sind – in der Regel – die Beschränkteren, sonst kämen sie nicht hinauf.“ Werner Bartens zählt dementsprechend in der SZ-Reihe „Medizin und Wahnsinn“ Folge 142 auch Arjen Robben, Christiano Ronaldo, Rubens Barrichello und David Beckham zu den künstlich Ausbalancierten.
Zur Verdeutlichung dieses Irrsinns, oder besser gesagt dieses kommerziellen Geniestreichs, noch einmal La Stampa: „… die Mode greift um sich und eine Welle von Videos über das ‚Gleichgewichtsarmband‘ überflutet das Web. (Vor allem Jugendliche, die auf einem Bein balancieren, während andere sie zu Fall zu bringen versuchen. Bandträger bleiben stehen, die anderen verlieren das Gleichgewicht. Was wie ein Sketch wirkt, ist ein von den Herstellern zum Beweis der Wirksamkeit des Mechanismus empfohlenes Experiment.)“ (Quelle www.eurotopics.de vom 27/07/2010)
Vermutlich muss ich gar nicht mehr erwähnen, dass Doppel-Blindtests, wenn weder Proband noch Versuchsleiter wissen, ob sie wirklich ein „echtes“ Power Balance-Produkt haben, natürlich keinen Beleg für die Wirkung bringen. Wer noch genauer hinter die Raffinesse dieser Marketingstrategie schauen will: http://www.csicop.org/si/show/power_balance_technology/
Ich spüre eine Erschütterung der Macht.
Geschmacklos
September 2010 – Von August bis zum 19. September hatte Coca-Cola Light in Deutschland das Diamantenfieber ausgerufen. Wer die richtige Brauseflasche erwischte, konnte einen von 66 Diamanten gewinnen. An sich schon ein wenig moralisches Werbetreiben mit der Gier nach edlem Tand. Just während der öffentlichkeitswirksamen Zeugenaussagen von Naomi Campbell und Mia Farrow beim Prozess gegen Liberias Ex-Diktator Charles Taylor aber eine mehr als geschmacklose Aktion. Taylor war tief verwickelt in den Handel mit illegal geschürften Diamanten. Um an diese Blutdiamanten zu kommen, unterstütze er im Bürgerkrieg von Sierra Leone die Revolutionary United Front, deren Markenzeichen es war, bei Überfällen auf Dörfer den Bewohnern Gliedmaßen abzuschneiden. Zehntausende starben, etwa 20.000 Verstümmelte fristen heute ihr Dasein in einem der ärmsten Länder der Welt. Daran hat sich auch wenig dadurch geändert, dass heute Diamanten aus Sierra Leone größtenteils wieder legal gehandelt werden. Wenn skrupellose Diktatoren fehlen, die die Wertschöpfung heimlich absahnen, schaffen Konzerne den Reichtum ganz legal außer Landes. Angesichts des nachhaltigen Leidens infolge der mit Diamanten finanzierten Massaker, der tödlichen Armut in den afrikanischen Quellenländern und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen beim Schürfen klebt Blut wohl nicht nur an ausgesprochenen Blutdiamanten. Ihre Geschichte ansehen kann man den Steinen sowieso nicht. Aber denken kann man sie sich und dann als Verbraucher entsprechend handeln.
Nicht schwitzig
August 2010 – „Von der Stirne heiß / Rinnen muss der Schweiß / Soll das Werk den Meister loben“. Zu den Zeiten, als Schiller Das Lied von der Glocke dichtete, war Schwitzen noch ein Gütesiegel der Qualität. Heute sucht man Anstrengung verschämt zu verbergen. Heute haben „ablenkende peinliche Schweißflecken im Leben und unter den Achseln aktiver Menschen keinen Platz“ mehr. Damit einem der gegebene Müßiggang auch anzusehen ist, kann man sich jetzt Hygienebinden unter die Arme klemmen. MY DRY TM Achselpads. Vor den Erfolg habe die Mode-Götter das Schweißpad gestellt. In Watte gepackt – einzeln eingeschweißt, für 50 Cent am Tag.
Klaufen
August 2010 – Entsprechend den regelmäßigen Untersuchungen des EHI Retail Institute werden im deutschen Einzelhandel jedes Jahr Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro von Kunden und Mitarbeitern gestohlen (2 Milliarden von Kunden, 800 Millionen von Mitarbeitern). Rein rechnerisch durchschnittlich rund 70 Euro Diebesgut jährlich pro Haushalt. Die Liste der beliebtesten Beuteartikel zeugt von den Beweggründen: Spirituosen, Kosmetik und Tabakwaren, Markenklamotten, Accessoires und Dessous sowie Konsolenspiele, CDs, DVDs, Speicherkarten und Druckerpatronen. Es soll da bitte keiner sagen, dass ihm das Leben keine andere Wahl gelassen hätte. Genussraub nicht Mundraub. Selbst die grundlegendsten Axiome eines gedeihlichen Zusammenlebens werden ohne Not dem puren Amüsement geopfert.
In Aloe Veritas
August 2010 – „Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung mit vielen Kunden in den letzten Jahren und auch meiner eigenen besiegten Krebserkrankung“, so beginnt die verbriefte Anpreisung der selbsternannten Vitalstoff- und Vitalitätstrainerin Amata B. aus Ottobeuren für Aloe Vera Hautpflegeprodukte vom Multi-Level-Marketing-Unternehmen Forever-Living-Produkte anpreist. Aloa-he / Aloe-he / Ich glaub daran / Dass keiner ohne / Creme leben kann.
Es ist schon arg, wenn jemand für ein paar Prozent Extra-Bonus bereit ist, mit dem Leben selbst zu experimentieren. Wirklich schlimm ist es aber, dass Frau B. das macht, weil es funktioniert. Nicht das Produkt, sondern das Verkaufen funktioniert. Forever-Living hat nach eigenen Angaben 9,5 Millionen willfährige Handlanger, genannt Distributoren, in 145 Ländern. Allein die deutsche GmbH hatte zu Spitzenzeiten (2003) 135,5 Millionen Euro Umsatz ausgewiesen.
Während uns die Mühelosigkeit unseres modernen Lebens, das fürsorgliche öffentliche Gesundheitswesen und eine immer bessere konventionelle medizinische Versorgung rapide steigende Lebenserwartungen beschert, suchen viele scheinbar gerade zum Trotz nach immer abstruseren Behandlungen für die wirklichen und noch mehr für die eingebildeten Wehwehchen. Es muss einem schon verdammt gut gehen, dass er es sich leisten kann, sich den eigenen gesunden Menschenverstand derart verreiben zu lassen.
Volksbildung 2010
Tarot – Bilder der Seele (Kurs R1300, VHS Moosburg)
„Tarotkarten lassen die Bilder der Seele sichtbar werden und bringen uns so mit unserer inneren Stimme, unserer Seelenweisheit in Kontakt. Die Antworten, die wir mit Hilfe der Karten erfahren können, bringen Licht und Klarheit in die eigenen ‚Lebensschritte‘“.
Einflussfaktor Erdstrahlen – über die Bedeutung der Erdstrahlen in unserem Leben (Kurs 1140, VHS Werl - Wickede (Ruhr) – Ense)
Pendelpraxis I (Kurs N12303, VHS Mainz)
„Mit Hilfe des Pendels können Sie u.a. Lebensmittel, Medikamente etc. auf Verträglichkeit testen.“
Psychologische Astrologie nach Hermann Meyer – Planvoller Umgang mit Mars im Transit (Kurs 1002-28, VHS Frankfurt)
Das Tiroler Zahlenrad (VHS Kröv-Bausendorf)
„Die Zahlen unseres Geburtsdatums sagen etwas über unsere Persönlichkeit aus. … Die Einzelzahlen eines Datums, die Kombination der Zahlen und schließlich die Häufung der Zahlen zeichnen ein Bild der Persönlichkeit, die an diesem Tag geboren wurde.“
Schamanische Krafttiersuche (Kurs 11009, VHS Villingen-Schenningen)
„Das Krafttier ist eine Art virtueller Tierfreund und es steht ‚seinem‘ Menschen helfend zur Seite.“
Einführungskurs Einhandrute (Kurs 4870, VHS Donauwörth)
„Erlernen der Grundkenntnisse nach Körbler – kosmische Gesetze, Meditationen. Wie kann ich Wohnung, Lebensmittel, Medikamente harmonisieren?“
Indigo- / Kristallkinder (Kurs Y10801, VHS Cuxhaven)
„Seit 1968 werden auffallend viele hochtalentierte Kinder geboren, die unfassbare Fähigkeiten haben, aber nicht in unser Schulmuster passen und dort sehr große Schwierigkeiten haben. …
Vor allem Eltern von Kindern, die ungewollt entdecken, dass das Kind ‚besondere Fähigkeiten‘ hat. (Häufig hellseherisch, medial, besteht darauf Farben zu sehen, leichte Rechenaufgaben nicht kann - schwierige sofort. etc.)“
Chakra-Behandlungen mit Edelsteinen (Kurs 3028, VHS Kaltenkirchen)
„Chakren sind feinstoffliche Energiezentren im Körper, durch die unsere Lebensenergie fließt. Energetische Blockaden in den Chakren können unser Wohlbefinden beeinträchtigen, … In diesem Tagesseminar erfahren Sie, welche Aufgaben unsere Chakren haben, wie Blockaden sanft gelöst und die Chakren mit Edelsteinen energetisiert werden können.“
Die Aura des Menschen, sichtbar und fühlbar? Haben Sie schon einmal eine Aura gesehen? (Kurs 11206, VHS Haar)
„Könnte jeder die Aura sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, pendeln oder sonst wie wahrnehmen? … Gibt es Löcher in der Aura? Hat jeder Mensch die gleichen Aurafarben? Sie bekommen Aurafotographien und andere Darstellungen des menschlichen Energiefeldes zu sehen.“
Schafskälte
Juli 2010 – Fernsehen macht doch nicht blöd! In Millionen Deutschen ist nach vier Wochen WM-Telekolleg die erstaunliche Erkenntnis gereift: In Afrika ist im Sommer Winter (obwohl es die gleiche Uhrzeit wie bei uns ist)!
Ob das wohl am Klimawandel liegt? Bei solchen Erwägungen müssen viele in Deutschland um den eigenen Sommer gefürchtet haben. Wie anders lässt sich erklären, dass die Bundesbürger trotz Hitzerekorden Pullover hamsterten. Kaschmirpullover. Babykaschmir. Der blaue Jogi-Löw-Glücks-Wunderpulli von Strenesse. Anfang Juli war das Teil landesweit ausverkauft und in vielen Läden wurden/werden Wartelisten geführt. Kein Wunder beim Glücksschnäppchenpreis von 199 Euro. Wenn’s schee macht. Ich kaufe, also bin ich.
Virtualize Erdbeereis
Juli 2010 – Wie wird das Leben jenseits des Internets sein? Die Frage ist falsch gestellt. In der virtuellen Realität endet nichts. Der Google-Cache vergisst nichts, YouTube blendet nichts aus, Facebook löscht nichts, Twitter verschweigt nichts. Es gibt kein danach mehr.
Same player shoots again. Ein ausführlicher Essay über die zunehmende Virtualisierung unseres Lebens:
Der Essay als pdf [93 KB]
Sprachlos
Juli 2010 – Artikel 42, Absatz 1, Satz 1 Grundgesetz: „Der Bundestag verhandelt öffentlich.“ Tatsächlich wurden zum Beispiel in der vergangenen 16. Legislaturperiode von rund 15.500 Reden mehr als ein Viertel nicht gehalten (genau 4.429), sondern nur schriftlich zu Protokoll gegeben. Von einer öffentlichen Verhandlung kann da wohl keine Rede sein. Doch selbst wenn das Plenum tagt, heißt das noch lange nicht, dass man es immer Verhandeln nennen könnte. Dazu müssten die Abgeordneten ja mehrheitlich anwesend sein. Und nicht nur physisch, sondern auch geistig. Unter Parlamentariern aller Couleur grassiert aber Smartphonobie. Auch während den Sitzungen wird eifrig gesimst, getwittert, gemailt und was sich noch alles mit Zwei-Daumen-Technik unterm Tisch verarbeiten lässt. Laut dem Vorsitzenden des Geschäftsordnungsausschusses des Bundestags, Thomas Strobel (CDU), gibt es aber eigentlich eine Übereinkunft der Bundestagsfraktionen, dass „die Nutzung von Laptops, von Handys, das Telefonieren im Plenarsaal selbst unerwünscht ist“. Bei derart zur Schau getragener Gleichgültigkeit, ja Missachtung der demokratischen Institutionen, wen wundert da noch die wachsende Politikverdrossenheit in der Bevölkerung. Der Fisch stinkt vom Kopfe her.
Safer Luggage
Juni 2010 – Endlich braucht man sich um seinen Koffer während einer Flugreise keine Sorgen mehr zu machen. In was für üble, vielleicht sogar schlecht riechende Gesellschaft konnte er bisher im dunklen Gepäckraum geraten, ganz zu schweigen von den obszönen Betatschungen der gemeinen Packarbeiter. Schluss damit, auch am Frankfurter Flughafen kann man jetzt die harte Kofferschale in weiche Folie einschweißen lassen. Safer Luggage – Gib der Umwelt keine Chance!
(Weltweit werden jährlich 225 Millionen Tonnen Plastik hergestellt und davon wird nach Gebrauch ein Großteil nicht recycelt. Es ist bisher nicht absehbar, dass Plastik in der Umwelt verrotten würde oder durch irgendwelche Mikroorganismen abgebaut wird. Daher werden zum Beispiel die Weltmeere zunehmend mit Plastik verschmutzt. Durch Sonneneinstrahlung und Wellenbewegung wird dort der Plastikmüll nach und nach fein wie Plankton zerrieben und gelangt dann in die Nahrungskette unserer Speisefische – und bei uns auf den Teller.)
Sch... WM
Juni 2010 – Edeka verkauft zur Fußball-WM Klopapier mit Rasenduft, was einen unmittelbar an Franz-Otto Krüger und Wilhelm Bendow auf Loriots Rennbahn erinnert: „Achtung, jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los! – Jetzt laufen sie, 1, 2, 3, sie laufen, sie laufen. – Jetzt finishen sie!“ – – „Sie finishen – direkt auf’n Rasen?“
Bendows berühmtes, darauf folgende „ja wo laufen sie denn“ kann man heute angesichts solcher Konsumauswüchse durchaus als Sinnfrage unserer modernen Gesellschaft verstehen.
Siehe hierzu auch: Fan-Marmelade (Heidelbeer-Blutorange-Mandarine), das inzwischen zu jedem halbwegs populären Anlass unvermeidliche Langenscheidt-Wörterbuch, hier: „Fußball – Deutsch, Deutsch – Fußball“ (Gerhard Delling – ganz ohne Netzer), ein schwarz-rot-goldener Trinkerhelm (mit Dosenhaltern und Schlauchleitung), Fan-Dirndl (1.700 Euro), Strass-Trillerpfeife, Ballerinas (ein Paar = drei Schuhe in drei Farben), deutschlandfarbige Teelichthalter und sogar der seinerzeit für jeden Opel Manta obligatorische Fuchsschwanz ist in einer schwarz-rot-goldenen Variante wieder auferstanden.
Auch die Haustiere werden anlässlich der WM wieder zur konsumtiven Selbstinszenierung missbraucht. Fressnapf bietet Hunde-WM-Trickots und dazu passend schwarz-rot-goldene Pfotenbänder als Stutzen.
Vorbei sind die Zeiten, in denen der Ball einfach nur rund war und ins Eckige musste. Nur der Rasen ist noch schöner grün.
Umsteuern
Juni 2010 – Ungeachtet der Finanz-, Wirtschafts- und Eurokrise werden die Steuereinnahmen in Deutschland 2013 wieder den Stand von 2008 – zu Zeiten bester Konjunktur – erreichen und für 2014 werden mit 581,5 Milliarden Euro die höchsten Steuereinnahmen in der Geschichte erwartet (Arbeitskreis Steuerschätzung beim Bundesfinanzministerium). Aber auch 2009 und 2010 wurden und werden per anno deutlich mehr Steuern eingenommen als noch 2006 (488,4 Milliarden Euro) oder jemals davor (tatsächlich waren es nur 2007 und 2008 mehr Steuern).
Angesichts solch sprudelnder Einnahmen und bei 1,7 Billionen Euro expliziter Staatsverschuldung ist es gelinde gesagt wenig ambitioniert, wenn die Bundesregierung nur anstrebt, bis 2016 die jährliche nicht konjunkturbedingte Neuverschuldung auf rund 10 Milliarden Euro zu drücken (3,5 Promille des Bruttoinlandsproduktes entsprechend der Schuldenbremse des Grundgesetzes).
2014 werden 100 Milliarden Euro mehr Steuern eingenommen als 2006 und die Bundesregierung hofft, dass sie es bis 2016 schafft, nur 10 Milliarden Euro jährlich zusätzliche, neue Schulden zu machen. Das ist doch bitte schön hochgradig absurd!
Bereits heute muss der Staat jeden achten eingenommenen Euro für Schuldzinsen aufwenden. Die stetige Neuverschuldung bedeutet daher rapide abnehmende politische Handlungsspielräume. Das ist Raubbau an der Zukunft unserer Kinder und Enkel – vorsätzlich und unverantwortlich!
Auf den Hund gekommen
Juni 2010 – Am 06.06. hat der Verband für das Deutsche Hundewesen erstmals den Tag des Hundes organisiert. Erwartungsgemäß wieder ein Anlass für neue tierhalterische Absonderlichkeiten auf den mehr als 600 Veranstaltungen deutschlandweit: ein Gottesdienst „für alle Hunde“, das Seminar „Denken lernen wie ein Hund“, Dogfrisbee, Aktionstag „Welcher Mensch passt zu mir - Hund fragt, Mensch antwortet“ und Hundetriathlon. Auch zu einem gemeinsamen Frühstück wird eingeladen – fragt sich, wer frühstückt da mit wem?
Einen Tag zuvor haben Laurie Anderson und Lou Reed in Australien ein Konzert für Hunde gegeben. Zum Teil in nur für Hunde hörbaren Frequenzbereichen. Fast 1.000 Hunde kamen vor die Oper in Sydney „Die Hunde waren wirklich wundervolle Zuhörer, sie haben gegroovt, viele von ihnen haben gesungen und getanzt, sie waren ungehemmt“, meinte Anderson hinterher (ernsthaft).
Durch dick und dünn
Juni 2010 – Jeder sechste Deutsche ist behandlungsbedürftig dick (BMI > 30, das sind zum Beispiel über zwei Zentner bei 1,83 Körpergröße). Im europäischen Dicken-Vergleich belegen die Deutschen inzwischen Platz eins. Dabei dürfte die Statistik sogar noch schöngefärbt sein, weil bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern nicht gewogen und gemessen wird, sondern befragt.
Untergewichtig sind nur zwei Prozent der Bevölkerung. Allerdings jede achte Frau im Alter von 18 bis 20 Jahren. Der Verdacht liegt nahe, dass hier nicht Mangel, sondern Mode herrscht.
Dekadenter Wohlstand macht krank.
Schuhschlank
Mai 2010 – Mens sana in corpore sano. Dessen ist sich auch unsere müßige Wohlstandsgesellschaft (noch) bewusst und sucht daher laufend nach möglichst anstrengungslosen Wegen der Gesunderhaltung. Die neue Generation der Freizeitschuhe, der Reebok „EasyTone Inspire“, verspricht ein Mehr an verbrannten Kalorien auch ohne sportliche Betätigungen, allein bei Alltagsbewegungen: “Schritt für Schritt zu einem schöneren Po und strafferen Beinen.“
Als passendes Oberteil zum Schuh empfiehlt Reebok ein „Lightweight Burnout Tee“ und offenbart damit, welch kranker Geist aus einem derart gesundgekauften Körper hervorzugehen droht.
Milchmädchenrechnung
Mai 2010 – Für einen Liter Milch musste man 1950 durchschnittlich 19 Minuten arbeiten, heute sind es nur noch vier Minuten. Für zehn Eier waren es damals sogar zwei Stunden, jetzt sind es acht Minuten (IW Köln Wohlstand in Deutschland, 2010). Wenn wir auch immer weniger arbeiten (inzwischen nur noch 1.400 Stunden pro Jahr, was in etwa einer 32-Stunden-Woche entspricht) wird darin doch in erster Linie der Wertverlust von Lebensmitteln deutlich. Nicht einmal die vitalen Grundlagen unseres Daseins sind uns noch die Mühe wert. Das real existierende Schlaraffenland liegt am Stadtrand und hat einen Parkplatz. Und im Schlaraffenland wusste schon Hans Sachs (1530): „Doch muss sich hüten da ein Mann / Dass man Vernunft ihm merket an“. Also bloß nicht nachdenken, wenn man beim Discounter einkauft!
Denaturiert
Mai 2010 – Ein Drittel der Schüler im Alter zwischen 12 und 15 Jahren hat noch nie im Leben einen Käfer oder einen Schmetterling gefangen. (Jugendreport Natur ’06: Natur obskur)
Aufgemerkt
Mai 2010 – Auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung) muss man erst einmal kommen. Laut einer Forsa-Befragung im Auftrag der Techniker Krankenkasse meinen elf Prozent der bayerischen Eltern von ihrem Kind, dass es an ADHS krankt – in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern glauben so etwas gerade mal ein Prozent der Eltern. ADHS muss man sich leisten können.
Sozialabhängigkeit
Mai 2010 – Der Ökonom Guy Sorman hat am 6. Mai 2010 in der spanischen Tageszeitung ABS geschrieben: „Die Fundamente der Europäischen Union sind nicht kompatibel mit der Art und Weise, mit der die europäischen Staaten regiert werden. Damit ist gemeint, dass die Europäische Union von Grund auf liberal ist – so wird sie in der politischen Philosophie und von der Wirtschaft aufgefasst – und kann nur auf liberale Art und Weise geführt werden. Alle Mitgliedsstaaten hingegen – auch diejenigen mit konservativer Regierung – haben in der Praxis immense Wohlfahrtsstaaten nach sozialistischen Ideen aufgebaut.“ http://www.eurotopics.de
Der verhängnisvolle Totalitarismus des paternalistischen Wohlfahrtsstaates.
Erst hat diese Verballhornung der sozialen Marktwirtschaft seine Bürger bis zur Unmündigkeit von der Eigenverantwortung entfremdet, zu Zeiten wirtschaftlicher Krisen gefährdet sie nun gar die europäische Einheit und den Frieden: Die bedingungslose Verpflichtetheit zu jeglichem Ausgleich auch nur gefühlter sozialer Ungerechtigkeiten, macht es den europäischen Staaten schier unmöglich, einer Krise angemessen zu begegnen. Die Entkopplung der deutschen Renten von der wirtschaftlichen Entwicklung per Garantie, dass die Renten künftig nicht mehr sinken dürfen, im Mai 2009 mitten in der Weltwirtschaftskrise oder die griechischen Generalstreiks im Mai 2010 gegen die geplanten Sparmaßnahmen zur Konsolidierung des weit über Gebühr geplünderten Staatssäckels (z.B. durch relativ zur Beschäftigtenzahl fast doppelt so vielen Angestellten im öffentlichen Dienst wie in Deutschland, die zudem vielfach sehr gut besoldet sind), das sind Symptome der umfassenden Wohlfahrtstaatssucht in Europa. Einschränkung, Verzicht oder Streichungen finden sich daher kaum im Werkzeugkasten der Krisenbewältigung, nur Schulden und Geldmengenausweitung.
(PS.: Davon unbenommen ist, dass dem nutzlosen Finanzmarkttreiben einer kleinen unmoralischen Minderheit dringend Einhalt geboten werden muss!)
Eingesackt
April 2010 – Louis Vuitton treibt die Demonstration, wie man ganz unverhohlen seine Kunden nach St(r)ich und Faden verarschen kann auf die Spitze: Mit der „Raindrop Besace“ bietet der Taschenhersteller einen Müllbeutel am Lederriemen für 2.000 US-Dollar zum Kauf an.
Schlechtes Stellungsspiel
April 2010 – 15.000 Informatiker-Stellen können mangels geeigneter Bewerber derzeit in Deutschland nicht besetzt werden. Düstere Aussichten: Stell dir vor, alle wollen Computer spielen, aber keiner weiß mehr, wie man ein Computerspiel macht.
Schön ist es auf der Welt zu sein
April 2010 – Laut den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der KKH-Allianz kann sich jeder sechste Deutsche vorstellen, sich zur Steigerung der Attraktivität operieren zu lassen. Tatsächlich verzeichnet die Krankenkasse auch eine merkliche Zunahme an Anträgen der Versicherten zur Kostendeckung von Schönheits-OPs. Kosmetische Eingriffe sind allerdings noch kein Bestandteil der gesetzlichen Krankenversicherung. Dass sich das bald ändern könnte, lässt der folgende Beitrag vermuten.
Irrtum
April 2010 – Irre! Wir behandeln die Falschen - unser Problem sind die Normalen hat Manfred Lütz seinen aktuellen Kassenschlager genannt (Platz 4 der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch 15/2010). Wer sich das Buch aufgrund des Titels in der Hoffnung auf eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung über Normalität und Pathologie unseres modernen Lebens kauft, wird freilich arg enttäuscht. Der politische Tiefgang dieses Werkes geht nur bis zu der dem Titel widersprechenden Erkenntnis: „Kein Mensch ist einfach nur normal. Wenn ‚normal’ schon nichts für die Ewigkeit ist, dann sind ‚normal’ nur vorübergehende Verhaltensweisen, die jedem von uns unterlaufen, auch Ihnen und mir. Auf die Gefahren dieser ‚Normalität’ wollte das Buch hinweisen, ohne freilich ihre Segnungen zu verschweigen. Denn in diesem Leben sind wir darauf angewiesen, dass das meiste ‚normal’ abläuft.“ Ist dann unser Leben an sich das behandlungswerte Problem, Herr Lütz?
Tatsächlich ist das Buch eine recht autistische Selbstbeweihräucherung psychiatrischer Therapiemöglichkeiten, was ohne den Etikettenschwindel eher nur Verkaufszahlen wie von Paranoia für Anfänger bewirkt hätte. Einzig in der Abgrenzung, wann eigentlich ein Verhalten als psychisch krankhaft zu bezeichnen ist, stecken ein paar tieferschürfende Gedanken, die man sich allerdings selbst dazu machen muss. Krank ist man laut Lütz, wenn man selbst und/oder andere unter einem bestimmten Verhalten leiden. Der Leidensgrad als schlüssiges Kriterium für die Behandlungswürdigkeit erhebt die subjektive Leidensfähigkeit zum objektiven Maßstab. So lässt sich über kurz oder lang auch Unbequemlichkeit als Krankheit definieren. Dann kann endgültig jede eigene Anstrengung durch einen sozialstaatlichen Anspruch auf Behandlung ersetzt werden.
Wenn Sie gedankenlos ziehen
April 2010 – Mit dem auf der Spielwarenmesse 2010 vorgestellten Monopoly World schafft Hasbro beim Monopoly das Spielgeld ab. Ein Computer übernimmt den bargeldlosen Zahlungsverkehr zwischen den Spielern. Die Notwendigkeit das Wechselgeld auszurechnen oder die Zahlungsfähigkeit zu überschlagen entfällt damit. Jetzt können auch die Kleinsten einkaufen ohne nachzudenken wie die Großen im richtigen Leben.
Aktuelle Hundemorde
April 2010 – Auf einer Madrider Tier-Modenschau hat sich ein Hund auf dem Laufsteg in seinem Mantel verwickelt und selbst erdrosselt.
Lohnanstand
März 2010 – Damit sich Arbeit lohnt betitelt der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Expertise vom März 2010 zum Einkommensunterschied zwischen Beziehern niedriger Erwerbseinkommen und Hartz-IV-Empfängern. Dieser sogenannte Lohnabstand bestimmt, ob ein Anreiz zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit besteht, sich Arbeit also im Sinne von „mehr als die staatliche Unterstützung“ lohnt. Dementsprechend lohnt sich Arbeit nicht, wenn man damit nicht mehr als den Sozialtransfer verdienen kann. Hier offenbart sich ein entscheidender Denkfehler im (inzwischen massenhaft) üblichen Verständnis unseres Sozialstaates. Es wird vollständig ausgeblendet, dass für die Verfügbarkeit von Sozialleistungen immer zu allererst einmal Arbeit notwendig ist … allerdings von anderen! Eigentlich bestünde eine solidarische Verpflichtung, so viel wie möglich für das eigene Auskommen selbst zu leisten, allein deswegen, um nicht anderen seinen Unterhalt aufzuhalsen. Diese Selbstverständlichkeit von Geben und Nehmen ist im deutschen Wohlstandswohlfahrtsstaat verloren gegangen.
Unter den gegebenen systematischen Voraussetzungen ist dieser Realitätsverlust tatsächlich niemandem zu verübeln. Unser gesellschaftliches Selbstverständnis hat sich auf Anspruchsdenken statt solidarisches Pflichtbewusstsein verlegt. Einen Wandel kann hier nur bewirken, dass bei gegebener Erwerbsfähigkeit jede staatliche Leistung immer unmittelbar eine individuelle Verpflichtung zur Gegenleistung begründet. Im Fall von Sozialtransfers also etwa die obligatorische gemeinnützige Vollzeittätigkeit oder ausnahmsweise (z.B. wenn die Zeit für Fortbildungen genutzt wird) die Rückerstattung als Sozialdarlehen. Am Rande: Auf Unternehmenssubventionen ist dieses Prinzip der unmittelbaren, individuellen Gegenleistung selbstverständlich entsprechend anzuwenden.
Künstliche Kunst
März 2010 – Oswald Spengler prophezeite, dass im „Untergang des Abendlandes“ die Kunst ihre vordenkende und gesellschaftlich wegweisende Kraft einbüßen werde. Ja dass sie sich sogar gänzlich erschöpfen werde und bald nur noch vermag, Althergebrachtes zu verquirlen und allenfalls modisch zu variieren, statt etwas mit neuem Geist zu schaffen. Nun ist Spengler zumindest in vielen seiner Ausgangsannahmen widerlegt. Verfolgt man aber die Hype um den Debut-Roman Axolotl Roadkill von Helene Hegemann schießen einem Spenglers Vorhersagen unwillkürlich durch den Kopf und man fragt sich, ob es nicht doch genau so kommt.
Trotz erwiesenem Plagiats in großem Umfang, ja sogar trotz der Bekundung der überführten Autorin, bei dem Buch handle es sich eben um einen „Remix“, bejubelt ein Großteil der Kritik die Textcollage, nominiert das Ganze für den Preis der Leipziger Buchmesse und die Leute kaufen es dementsprechend in die Top Ten der Bestseller-Listen. Die tatsächliche Eigenartigkeit dieses Romans lässt sich darauf reduzieren, dass eine 17-Jährige mit perverser Fäkalsprache um sich wirft, die sie selbst, wie gesagt, nicht fähig gewesen wäre zu artikulieren, was aber trotzdem als authentische Jugendkultur angepriesen wird. Ein Verlag lässt ein Mädchen mit fremden Worten ekelhafte und pornografische Tabubrüche begehen und Kritik und Leserschaft bejubeln es in seltener Einhelligkeit. Spengler: „Die Kunst hat aufgehört, das Schicksal ihrer Kultur zu sein. Ihre Sprache bedeutet nichts mehr.“
Eine Metapher...
… für das, was ich mit „selbst denken und handeln“ meine – Februar 2010 – Wenn man bei uns hinterm Dorf zum Langlaufen geht, begegnet man oder entdeckt die Spuren von vier unterschiedlichen Typen Mensch: Das sind einmal diejenigen, die sorgfältig – vielleicht sogar extra mit etwas breiteren Skiern – die ersten Spuren gezogen haben (Loipen gibt es bei uns nicht). Dann die, die diesen Spuren mit Bedacht folgen, so dass sie möglichst eher besser als schlechter werden. Dann auch solche, die den Spuren nachlaufen, ohne sich irgendwelche Gedanken über ihre Herkunft oder ihren Erhalt zu machen. Und schließlich gibt es Spaziergänger, die auf weiter Flur keinen anderen Weg finden, als über die Langlaufspuren zu trampeln.
Wenn eine neue Anstrengung für eine zukunftsfähige Gesellschaft gelingen soll, brauchen wir Spurer und achtsame Folger, weniger gedankenlose Mitläufer, vor allem aber keine Trampler.
Unlustig
Februar 2010 – Nach Hochrechnungen im Arztreport 2010 der Barmer GEK geht jeder gesetzlich Versicherte durchschnittlich 18 Mal im Jahr zum Arzt (ohne Zahnarzt). Gemeinsam mit Japan sind wir damit wahrscheinlich Weltspitze (OECD). Maßgeblichen Anteil an der wachsenden Anzahl von Arztbesuchen und zweit häufigste Ursachengruppe: Depressionen. Nach Hochrechung der Barmer GEK wurden 2008 bei 6,6% der 70 Millionen gesetzlich Versicherten Depressionen diagnostiziert. Das sind 4,6 Millionen Bundesbürger – mindestens jeder 17. Deutsche glaubt sich also depressiv (und bekommt das auch ärztlich attestiert). Bemerkenswert: Laut dem Arztreport 2010 sind die Diagnosen zum überwiegenden Teil – bei einer Auswahl von 24 normierten Alternativen – nur einer, der unspezifischsten Variante zuzuordnen; „depressive Episode, nicht näher bezeichnet“ – Der Verdacht liegt nahe, dass man wohl oft auch hätte sagen können: mal nicht so gut drauf gewesen. 4,1 Milliarden Euro hat das den Sozialversicherungspflichtigen 2008 gekostet. Unlust muss man sich leisten können.
Gute Nacht John-Boy
Februar 2010 – Laut einer Reportage in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Dezember 2009 spielen 73 Millionen Facebook-Mitglieder die Facebook-Applikation „Farmville“ – 27,5 Millionen davon täglich. Eine simple Bauernhof-Simulation mit Kinder-Cartoon-Charme. Allerdings offensichtlich einmal mehr hervorragend geeignet, um sich zunehmend aus der Teilhabe am wirklichen Leben zu beamen. Neben der in solchen Echtzeit-Simulationen üblichen notwendigen regelmäßigen Pflege (jäten, säen, ernten, Tier pflegen), haben die Farmville-Entwickler geschickt den realen sozialen Druck in die putzige virtuelle Welt eingebaut: Wirklich voran kommt man in Farmville nur mit virtueller Nachbarschaftshilfe : do ut des. Dass man anstatt des Daddelns auch einem wirklichen Nachbarn mal im wirklichen Garten oder sonst wo/sonst wie helfen könnte, kommt einem Farmville-Farmer wohl kaum mehr in den Sinn: keine echte Echtzeit.
Sterntaler
Januar 2010 – Nicht nur dass das ehemalige Arbeitsamt sich seit geraumer Zeit in seinen modernen Centern um Jobs statt um Arbeit kümmert – also im gängigen Sprachgebrauch um „vorübergehende [einträgliche] Beschäftigung zum Zwecke des Geldverdienens“ statt um „Berufsausübung, Erwerbstätigkeit“ (Deutsches Wörterbuch des Zeitverlags 2005) – nun ist der Bundesagentur für Arbeit offenbar auch der Himmel auf den Kopf gefallen. Seit Oktober 2009 kann für die Ausbildung in „Psychologischer Astrologie“ einer Hamburger Astrologin und Heilpraktikerin staatliche Förderung beantragt werden. „Dies bedeutet für Arbeitssuchende mit astrologischen Ambitionen eine besondere Chance: Ihre Ausbildungsgebühren können zu 100% von Deutschen Behörden übernommen werden“, wirbt die „Bildungs“anbieterin. Auf Kosten der Steuerzahler/Arbeitslosenversicherungspflichtigen werden da „Mondknoten historisch und psychologisch“, „lebendiger Umgang mit den Orben“, „Uranus psychologisch gesehen und im Fragebogen“ oder „Visionen und Sinngebendes im LebenFlexibilitätstraining zu den Aspekten: Umgang mit Horoskopen ohne eingetragene Aspekte“ memoriert. Mit Verlaub, das scheint mir himmelschreiend.
Rechenfehler
Januar 2010 – Laut dem Münchner Merkur vom 24.12.2009 fordert die Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern e.V. die Abschaffung von Mathematik als Abiturpflichtfach. Lässt sich schon schwerlich über die überragende Rolle von Mathematik neben Deutsch und Englisch für die generelle Studierfähigkeit streiten, die Begründung der LEV schlägt dem Fass den Boden aus: Zwei Drittel der Schüler hätten mit dem Fach Probleme. Da ist er wieder, der allgegenwärtige Reflex in unserem Bildungssystem: Gefühlte Überforderung führt zur Reduzierung der Anforderungen statt zur Steigerung der Anstrengungen. Wer einen Eimer Wasser ausschüttet, um leichter daran zu tragen, braucht sich nicht wundern, wenn er später nichts zu Trinken hat.
Ebenfalls zwei Drittel (der Deutschen) vertrauen auf die Hilfe von Schutzengeln (GEO 2005). Wenn’s nach der LEV geht, werden wir die auch dringend brauchen.
The same procedure as ev`ry day
Dezember 2009 – Die Süddeutsche Zeitung vom 23.12.2009 berichtet, dass laut einer Forsa-Umfrage 89 Prozent aller Deutschen Weihnachten vor dem Fernseher verbringen. Schöne Bescherung.
Krankmachen
Dezember 2009 – Eindrucksvolle Belege, wie wir immer mehr das Leben an sich in ein therapiebedürftiges und medikamentenabhängiges Dasein umwandeln, finden sich in den gesellschaftlich ambitionierten Publikationen des altgedienten Psychiatrieprofessors Klaus Dörner (über ein Land voller Menschen, die sich „möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch für von Experten therapeutisch, rehabilitativ und präventiv manipulierungsbedürftig halten, um ‚gesund leben‘ zu können.“). Sehr plakativ seine zweijährige Analyse der Berichte über wissenschaftliche Untersuchungen zur Häufigkeit psychischer Störungen in zwei überregionalen Zeitungen: Dörner zählte die veröffentlichen Erkrankungsquoten zusammen und kam für die Gesamtheit der deutschen Bundesbürger auf 210 Prozent – das heißt, jeder Deutsche leidet laut Expertenmeinungen durchschnittlich an mehr als zwei psychischen Störungen, die therapiert werden müssten, wie Angst, Depressionen, Sucht, Traumata, Essstörungen oder Schlaflosigkeit („Die allmähliche Umwandlung aller Gesunden in Kranke“, Frankfurter Rundschau 26.10.2002). Gegen diese Pandemie der psychischen Krankerklärungen ist kein Kraut gewachsen, wird aber nichtsdestoweniger verschrieben und verkauft. Der boomende Gesundheitsmarkt vom functional food über die Fitnessausrüstung bis zum Kernspintomographen ist das Spiegelbild unserer hypochondrischen Wehleidigkeit, die gerade ihren psychosomatischen Hype durchlebt.
Mit dem Versuch den Umgang mit Schmerzen und Leiden oder anderen Befindlichkeitsstörungen vollständig aus der Hand zu geben – ja sogar ein Grundrecht auf eine solche Unversehrtheit zu fordern – berauben wir uns des Kraftpotentials der Selbstbewältigung. Wir nehmen uns die Erfahrung des Durchstandenen. Wir verzichten auf den motivierenden Stachel der Knappheit, der Not. Dörner fragt aber zu Recht, „ob man sich nicht nur zu Tode überlasten, sondern auch zu Tode entlasten“ kann. „Damit ein Schiff oder ein Fesselballon optimal freie Fahrt machen kann, muss auch der Ballast stimmen.“ Die Zähne zusammenbeißen können, ist eine Frage des Menschseins.
Ausgelesen
November 2009 – Im Buch hatte ich bei der Betrachtung der sprachlichen Verarmung via Internet bereits kurz die Schullektüren „… einfach klassisch“ erwähnt. Der Cornelsen-Verlag gibt in dieser Reihe klassische Literaturwerke sprachlich vereinfacht, gekürzt und bebildert heraus – in der Reihe „einfach lesen!“ verlegt Cornelsen sogar Kinder- und Jugendbücher wie Pippi Langstrumpf oder Die Wilden Fußballkerle verstümmelt und versimpelt. In der ZEIT vom 12. November 2009 (Dossier: „Ein Land verlernt das Lesen“) verteidigt die zuständige Schulbuchredakteurin Gabriele Biela ihren Ansatz: „Mein besonderes Interesse galt immer den Schülern, die Probleme haben. Bei denen lautet die Alternative: die einfache Version oder gar nicht.“ Funktioniert so moderne (Schulbuch-)Pädagogik?: Als vorauseilende Kapitulation vor der Lernverweigerung.
Die maßgebliche Motivation, Lesen zu lernen, ist doch, etwas erfahren zu wollen, etwas verstehen zu wollen oder etwas miterleben zu wollen. Lesen lernen heißt, Lesen wollen lernen. Das Ziel lässt einen sich auf den Weg machen. Warum aber überhaupt losgehen, wenn man eh nur warten muss, bis man hingetragen wird. Warum etwas selbst entziffern, wenn eh zu erwarten ist, dass einem alles über kurz oder lang vorgekaut reingewürgt wird.
Als Ceausescu Probleme mit der Brennstoffversorgung hatte, fälschte er den Wetterbericht, damit seine Bürger weniger heizen – die Rumänen haben deswegen damals nicht weniger gefroren. Wir werden heute kein höheres Bildungsniveau erreichen, wenn wir Die Räuber als Comic verschleudern. Zwischen acht Prozent der Schulabgänger, die jedes Jahr in Deutschland die Schulen ohne einen Abschluss verlassen, und einem Viertel der erwachsenen Deutschen, die laut Stiftung Lesen überhaupt keine Bücher mehr lesen, besteht ein Zusammenhang und der heißt: wollen!
(PS.: Es geht beim Lesen nicht um Selbstzweck oder romantische Verklärung von Büchern. Es geht um eine Überlebensfähigkeit: „Die Internationale Erhebung über Grad und Verteilung elementarer Grundqualifikationen Erwachsener (IALS) stellte fest, dass Personen mit höherer Lesekompetenz größere Chancen haben, eine Beschäftigung zu finden und ein höheres Durchschnittsgehalt zu erzielen, als solche mit geringeren Fähigkeiten in diesem Bereich (OECD und Statistics Canada, 2000). … Die wichtigste Erkenntnis lautet, dass die Zukunftsaussichten einer Person auf dem Arbeitsmarkt über den Bildungsabschluss hinaus auch durch das Niveau der Lesekompetenz bestimmt werden.“ Quelle: Lesen kann die Welt verändern, OECD 2002)
Verschlimmbessern
November 2009 – „Besser statt mehr“ war am 30. November 2009 die Überschrift der ersten Konferenz des Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung. Eine ausdrücklich wichtige Initiative, in der die Zukunftsfähigkeit unseres heutigen massenhaften Verständnisses von Wachstum – mehr Konsummöglichkeiten und weniger arbeiten – in Frage gestellt wird beziehungsweise (und das zeigt sich als bedeutend schwieriger) neue Denk- und Lebensweisen gesucht werden und ihren Ausgangspunkt finden sollen (www.denkwerkzukunft.de). „Denn ob es uns morgen besser oder zumindest nicht schlechter geht als heute, hängt nicht davon ab, dass etwas wächst, sondern dass etwas wächst, was Mensch, Umwelt und Natur zuträglich ist“, hat Meinhard Miegel auf der Konferenz die letztlich simple, aber doch so schwierig umsetzbare Vernunft der Nachhaltigkeit zusammengefasst.
Das sind nun genau meine Themen: sowohl die unhinterfragte Gläubigkeit an grenzenloses Wachstum (um des maßlosen Konsums willen wider jedem vernünftigen Verstand, dem beim Auftreten von Unendlichkeiten in einem endlichen Bezugssystem – Erde – eigentlich ganz von selbst Zweifel kommen sollten) als auch der Verlust einer eigentlich natürlichen Nachhaltigkeit im menschlichen Verhalten (der Nachkommenschaft nicht nur Leben sondern auch Lebensraum schenken zu wollen). Nicht wenige der Konferenzteilnehmer, Referenten und Diskutanten schossen und schießen aber weit über das Ziel hinaus und daher wahrscheinlich auch am Ziel vorbei. In der Wachstumskritik verteufeln viele allzu gerne pauschal „die“ Wirtschaft und blenden aus, dass die marktwirtschaftliche Wende unsere Gesellschaft nicht einfach vom Zustand eines archaischen immateriellen Wohlstandes (genannt Glück) zu bloßem materiellen Wohlstand verleitet hat. Vielmehr ist es den marktwirtschaftenden Gesellschaften in einem vorher nie da gewesenen Umfang gelungen Hunger, Krieg und Unfreiheit zu überwinden. Wirtschaft und Wirtschaften als pures materielles Mehrungssystem zu verstehen, greift zu kurz. Wirtschaft und Wirtschaften sind unerlässlich, weil vollkommen unabhängig vom erreichten Wohlstand Essen, Kleidung und ein Dach über’m Kopf jeden Tag von neuem erwirtschaftet werden müssen – woher sollte es auch sonst kommen? Genauso wie dieser Planet die Endlichkeit in sich birgt, gilt irdisch auch unabänderlich: aus nichts kommt nichts – selbst der, der fünf Brote teilen konnte, dass sie Fünftausend nährten, brauchte erst einmal fünf Brote. Solches gilt ohne Abstriche auch für Rechtsstaatlichkeit, die Sicherheit und die staatsbürgerliche Gleichheit – alles erfordert den planvollen Einsatz materieller und immaterieller Ressourcen. Es braucht also ein produktives Wirtschaftssystem.
Wir müssen dementsprechend aufpassen, dass wir den Teufel nicht mit dem Belzebub austreiben und aufgrund vollkommen unbelegbarer Hoffnungen eines fundamentalen Systemwechsels die Freiheit riskieren (und wahrscheinlich auch die Sattheit und den Frieden). Trotzdem bleibt natürlich offensichtlich, dass die derzeitige Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft hinsichtlich ihrem nachhaltigen Selbsterhalt nicht perfekt ist. Ihre Grundpfeiler Wettbewerb, Eigentum, Verantwortung und Solidarität haben sich allerdings als sehr praktikabel, weil menschlich erwiesen. Das Gebot der Stunde ist also nicht die Suche nach einem neuen Wirtschaftssystem oder gar die Rückkehr zu bereits ausprobierten menschenverachtenden Alternativen, sondern die Gestaltung des im Gedanken der sozialen Marktwirtschaft unerlässlichen politischen Ordnungsrahmens (DAS bedeutet übrigens Neo-Liberalismus). Das wird beizeiten noch genauer auszuführen sein. Einstweilen nur so viel: „besser statt mehr“ wird sich sicher nicht durch weniger Arbeit und Leistung machen lassen. Wir brauchen nicht weniger Produktivität, wir müssen die Produktivität besser auf die Produktion von Nachhaltigkeit einrichten.
Soylent Green
Oktober 2009 – Von wegen digitale Zukunft. „Alles analog!“, heißt die moderne Devise. Naturanalog. Wörtlich übersetzt bedeutet das: der Natur entsprechend. Nur so als ob, ergo: unnatürlich. Naturanalog, das sind heute immer mehr Lebensmittel. Mithin könnte man gleich und tut es tatsächlich auch von Analog-Lebensmitteln sprechen – also von solchen Substanzen, die nur vorgeben Lebensmittel zu sein, in Wirklichkeit aber das Dasein einer sägemehligen Geschmacks-Fata Morgana fristen. In der Anmutung von Käse, Joghurt, Schinken, Brühe, Eiscreme, Garnelen, Früchtetee und so weiter sind Analog-Lebensmittel inzwischen massenhaft allgegenwärtig. Das provoziert unweigerlich Szenen aus Soylent Green (dt. Jahr 2022 … die überleben wollen) von 1973 vorm geistigen Auge: von Bulldozern zusammengeschobene Menschenmassen, die sich um das letzte knappe Nahrungsmittel Soylent balgen. Sie schmecken und wissen nicht, dass es aus den Leichen ihrer verstorbenen Mitbürger hergestellt wird. – „Soylent Grün ist Menschenfleisch!“ – Und wenn sie es wüssten, blieb ihnen auch keine andere Wahl.
Zurück in unsere Realität: Die Verantwortung für die Existenz und die wachsende Verbreitung von naturanalogem Menschenfutter allein auf die Unmoral der Lebensmittelindustrie oder die Unfähigkeit der Verbraucherministerien abzuschieben – wie es zum Beispiel der selbsternannte hohe Priester des dem Kommerz geopferten guten Geschmacks Wolfram Siebeck macht – ist billig. Wären wir nicht so müßig, uns alles und immer vorkauen zu lassen, fiele uns selbst auf, dass wir Kunststoff verzehren. Die Bequemlichkeit der Fertigpizza überwiegt den natürlichen Überlebensdrang gesunder Ernährung. Bei einem Drittel der Bevölkerung mit durchschnittlich sieben Stunden täglichem Fernsehkonsum sind Analog-Lebensmittel nur die konsequente Folge ihres Analog-Lebens.
Arbeitsunwilligkeitsbescheinigung
Oktober 2009 – In der ZEIT vom 24. September 2009 wird eine Studie der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Berliner Charité zitiert, nach der 75 Prozent Patienten, die wegen psychosozialen Problemen krank geschrieben wurden, nach Ansicht von Zweitgutachtern eigentlich arbeitsfähig gewesen wären. Nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gingen der deutschen Volkswirtschaft 2006 rund 65 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung insgesamt durch Arbeitsunfähigkeit verloren. Nachdem jeder zehnte Arbeitsunfähigkeitstag auf psychische und Verhaltensstörungen zurückgeht, ergibt das einen Verlust von rund 5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung p.a. durch Psycho-Blaumacher. Ein Anhaltspunkt für die gegebene Dimension des dekadenten Solidaritätsdefizits unserer Gesellschaft. Die grassierende Lustlosigkeit kommt der Gemeinschaft teuer zu stehen.
Wahlfreiheit
Oktober 2009 – 70,8 Prozent betrug die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 laut amtlichem Endergebnis. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren die Geschicke unserer Nation so vielen Bürgern egal: 18,2 Millionen Nicht-Wähler. Nicht einmal die größte Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit vermochte es, die Menschen zu politisieren. Dem Souverän ist seine Souveränität zu mühselig geworden.
Wir riskieren die demokratische Verfassung unserer Gesellschaft. Und damit den Frieden. Kant meinte in seiner Schrift Zum ewigen Frieden 1795: „Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders sein kann) die Bestimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, ‚ob Krieg sein solle oder nicht’, so ist nichts natürlicher, als dass sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müssten (als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Habe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich lässt, kümmerlich zu verbessern; zum Übermaße des Übels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, nie [wegen naher immer neuer Kriege] zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen), sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen.“ Nur die Verwurzelung einer Staatsführung in der Bevölkerung – die Volksvertretung – gewährleistet die untrennbare Verquickung von politischem Handeln mit den daraus resultierenden Folgen. Die Verachtung von Parlamenten, Politikern und Parteien – so kritikwürdig deren Gebaren im Einzelfall sein mag – heißt diese Garantie fahrlässig aufzugeben. Nicht-Wahl ist keine politische Entscheidung, sondern die Aufgabe der Teilhabe an einem Gemeinwesen.
Wahlempfehlung
September 2009 – Beitrag zum ZEIT-Wettbewerb „Politischer Essay“: Welche Wahl lässt uns die Krise? [84 KB]
Putting away the Xbox
September 2009 – Im Buch bin ich ausführlich darauf eingegangen, dass die ausschlaggebenden Erfolgsfaktoren für Bildung weniger Didaktik und Pädagogik sind, sondern Lernen und Üben. Auch der schönste Bildungsplan und seine bestmögliche Umsetzung können das Büffeln nicht ersetzen. Wer sich aber heute erdreistet, „von den Kindern etwas zu fordern, zieht postwendend den Zorn der Eltern auf sich. Kaum eine Anforderung, die im Unterricht an die Kinder gestellt wird, für die sich nicht Eltern finden, die Überforderung fürchten.“ Sie wären aber eigentlich die natürliche Instanz, um die Kinder herauszufordern und zum Lernen und Üben anzuspornen. Wenn die Eltern jedoch immer mehr die Unbequemlichkeit dieser oft mühsamen und weitestgehend undelegierbaren Aufgabe scheuen, verwehren wir der nächsten Generation die Chance, die eigenständige Überlebensfähigkeit zu erlernen.
Wer mir das nicht glaubt, hat vielleicht mehr Vertrauen in die Worte des amerikanischen Präsidenten: „To parents – to parents, we can't tell our kids to do well in school and then fail to support them when they get home. You can't just contract out parenting. For our kids to excel, we have to accept our responsibility to help them learn. That means putting away the Xbox – putting our kids to bed at a reasonable hour. It means attending those parent-teacher conferences and reading to our children and helping them with their homework.”
(Aus Barack Obama’s Rede bei der National Association for the Advancement of Colored People am 16. Juli 2009)
XXL Rettung
September 2009 – In Bayern werden 26 Schwerlast-Retter angeschafft. Ein normaler Krankenwagen ist für Patienten ausgelegt, die maximal 150 Kilogramm wiegen. Das reicht scheinbar immer öfter nicht mehr aus. Die bayerischen Rettungsdienste erhalten daher jetzt flächendeckend Spezialfahrzeuge, mit denen bis zu 300 Kilogramm schwere Patienten transportiert werden können. Die dazugehörige Schwerlast-Trage kann mit einer entsprechend starken Hebebühne ins Fahrzeug gehoben werden. Wie die Sanitäter den Verunfallten aber erst einmal auf die Trage bringen, bleibt nach wie vor ihrer Improvisationsgabe überlassen.
Generation Radlos
September 2009 – Immer weniger Kinder können sicher Fahrrad fahren. Die Unfallforschung des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (Träger der bundesweiten Fahrradausbildung in der Grundschule) beklagt im Vergleich zwischen 1997 und 2008 zunehmende motorische Defizite: „So beherrschen immer mehr Kinder wichtige Alltagssituationen des Radfahrens nicht, beispielsweise das Spurhalten beim Blick zur Seite oder nach hinten.“ Die Ursache sieht der Studienleiter in einem Teufelskreis aus fehlender Bewegung, mehr Unsicherheit, weniger Fahrradpraxis und damit noch weniger Bewegung. (Quelle: Rudolf Günther, Sabine Degener: Psychomotorische Defizite von Kindern im Grundschulalter und ihre Auswirkungen auf die Radfahr-Ausbildung, Reutlingen 2009 – siehe www.udv.de)
In Schönheit sterben
August 2009 – Unser Glück hängt immer mehr von der Manipulation des Faktischen ab: Die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland ist von 2006 bis heute von circa 400.000 auf mehr als eine halbe Million jährlich gestiegen. Der Trend geht aber eigentlich zu minimal invasiven Behandlungen wie Faltenunterspritzen. Da ist es allerdings bei uns schwierig, an Zahlen zu kommen. Die Süddeutsche Zeitung mutmaßt in einem Beitrag vom 21. April 2009, dass „alleine in Deutschland 2008 eine Million Botoxbehandlungen gemacht wurden“. Außerdem lassen sich aber auch recht eindeutige Aussagen finden. Die Behandlungsprofis warnen – weil sie um ihre Geschäfte fürchten – vor unsachgemäßer Spritzenhandhabung, „denn die so genannten Botox-Partys boomen regelrecht“. Der FOCUS-TV-Schönheitschirurg meint in einem BUNTE-Interview 2008: „Auffallend ist, dass die Anzahl der Faltenbehandlungen auch in Deutschland förmlich explodiert ist.“ Und Freundin rät ihren Leserinnen: „Keine Angst vor diesem Nervengift, für Beauty-Anwendungen wird es in stark verdünnter und damit vollkommen ungefährlicher Form verwendet.“ Wie ich schon im Buch geschrieben habe: „Da wächst die erste Generation der Menschheit heran, die in Schönheit sterben wird.“
Dazu passend: In Ungarn findet im Oktober 2009 die erste Wahl zur Miss Plastic Hungary statt. Ein Schönheitswettbewerb, bei der nur Frauen teilnehmen dürfen, die sich mindestens einer Schönheitsoperation unterzogen haben, bei der wenigstens eine örtliche Betäubung notwendig war. „Here, women who had plastic surgery show the world that beauty operations are not the work of the devil, that they can be natural and tasteful, and that perfect beauty can be even more perfect.” Nach Angaben der Veranstalter soll der Contest plastische Eingriffe in Ungarn salonfähig machen, damit man den kulturellen Anschluss an den Westen nicht verpasst. In großen Teilen der westlichen Welt wären nämlich Schönheitsoperationen „everyday treatments“. „The first competition that is not afraid to go with the flow.”
Markenliebe
August 2009 – www.mybestbrands.de: Was brauchst du Freunde, wenn du Markenklamotten hast? – „Ein brand, ein guter brand, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt …“
Coming Soon
Wertlos
August 2009 – O tempores, o mores. Klagen über den Sittenverfall gab es zu allen Zeiten – nicht immer war deswegen eine Gesellschaft gleich dem Untergang geweiht. Man muss fein unterscheiden zwischen sich natürlich verändernden Moralvorstellungen im Laufe der menschlichen Entwicklung und wo eventuell gesellschaftstragende Tugenden geschliffen werden. Beides ist zudem eng verquickt und die letztendliche Beurteilung bleibt ohnehin den künftigen Geschichtsschreibern vorbehalten. Unbenommen ist aber, dass die ethischen Prinzipien einer Gesellschaft für ihr Schicksal entscheidend sind. Nicht zuletzt weil sich aus der Ethik die Reaktionen auf Probleme, mit denen eine Gesellschaft konfrontiert wird, ableiten.
Eine dieser krisenbewährten Vorstellungen von richtigem Handeln in unserer Gesellschaft ist die gegenseitige Verpflichtetheit innerhalb einer Familie. Die tatsächlich herrschende Erosion dieser kleinsten subsidiären Einheit habe ich im Buch beschrieben. Hier nun ein weiteres Indiz für diesen gefährlichen Wandel von Wertevorstellungen. Eine Lappalie oder schon ein Verfallssymptom?:
Das Internetportal www.leidenschaft18.de spricht per Fernsehwerbung im Abendprogramm gezielt und ausdrücklich Verheiratete für die Dienste der Plattform an: die Vermittlung erotischer Abenteuer und von Seitensprüngen. Auf dass die letzten Familientreuen auch noch in Versuchung geführt werden. 758.987 Mitglieder weist dieser „Partner für den Seitensprung“ aus (22.08.09). Der Tipp des Tages: „Besorgen Sie sich vor dem Treffen ein wasserdichtes Alibi.“ Bild.de meint dazu: „Sie lieben monogam und Treue hat für Sie oberste Priorität. Glückwunsch, dann gehören Sie zu einer ganz seltenen Spezies des 21. Jahrhunderts. Denn immer wieder konfrontieren uns Umfragen mit einer anderen Wahrheit: 38,9 Prozent der deutschen Frauen und 37,1 Prozent der Männer hatten schon einmal einen Seitensprung – das ergab der Sex-Report 2008.“ O tempores, o mores, oder?
Tierliebe
Juli 2009 – Die deutschen Heimtierhalter-Blogs fiebern: Wann wird sie in Deutschland erhältlich sein. Die „Doggie Lover Doll“. Eine aufblasbare Sexpuppe für Hunde. Der Überraschungsknüller auf der 8th Pet South America. Erhältlich in drei verschiedenen Größen: für kleine, mittlere und große Rüden. Mit Silikon-Vagina und einem einfach zu reinigenden Reservoir. „Human beings have their hands to masturbate themselves, now the domestic animals, which have practically no contact with females in heat, can alleviate themselves with a toy designed specifically for them.”
Dem Hersteller PetSmiling liegen schon Händlerbestellungen aus den USA, Japan und Deutschland vor. Wo sonst ließen sich Kunden finden, die sich um solche Probleme bereits ernstlich Sorgen machen?
Mediennutzung
Juli 2009 – 16 Prozent der 15-jährigen Jungen spielen täglich mehr als viereinhalb Stunden Computerspiele (Exzessivspieler) + 23 Prozent täglich mehr als zweieinhalb Stunden (Vielspieler) + 30 Prozent täglich mehr als eine Stunde = macht insgesamt zwei Drittel aller 15-jährigen Jungen, die jeden Tag mindestens eine Stunde Computer spielen (bei den Mädchen ist es immerhin ein Drittel).
Zusammen mit Fern-/DVD-Sehen und Chatten/Surfen im Internet nutzen 15-jährige Jungen durchschnittlich täglich über siebeneinhalb Stunden Bildschirmmedien und die Mädchen über sechs Stunden. Auch wenn dabei Überschneidungen mitgerechnet sind (etwa gleichzeitig Fernsehen und Computerspielen), ist es doch ein deutlicher Beleg, wie sehr eine ganze Generation dabei ist, sich aus der Realität zu verabschieden.(Quelle: KfN-Schülerbefragung April 2007 bis Oktober 2008. Florian Rehbein, Matthias Kleinmann, Thomas Mößle: Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter, 2009, Forschungsbericht Nr. 108 Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. – siehe www.kfn.de)
Die Kinder-Stilllegungspraxis macht Schule
Juli 2009 – Immer mehr Kinder werden mit Psychopharmaka leichter handhabbar gemacht. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen titelt in seinem Sondergutachten 2009 in Bezug auf Verschreibungen an Kinder: „Besonders häufig: Präparate für Erkältung und ADHS“ (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung). Auf Datengrundlage der Gmünder Ersatzkasse sind in den Altersgruppen von 7 bis 11 Jahren und 11 bis 14 Jahren jeweils ADHS-Medikamente unter den Top 5 der am häufigsten verordneten Arzneimittel. Bei den 11- bis 14-Jährigen ist das ADHS-Mittel Medikinet sogar auf Platz 1 und zusätzlich Concerta auf Platz 5 (beide mit dem Wirkstoff Methylphenidat, der auch unter dem Handelsnamen Ritalin bekannt ist und nach dem Betäubungsmittelgesetz einer gesonderten Verschreibungspflicht unterliegt sowie für Erwachsene ab 18 Jahren in Deutschland gar nicht zugelassen ist). Zur Wirkweise von Methylphenidat bei ADHS gibt es allerdings nur Hypothesen. Der Sachverständigenrat sieht außerdem die Gefahr möglicher Nebenwirkungen wie Schlaf- und Wachstumsstörungen. Studien belegen, dass die Wirkung der medikamentösen Behandlung langfristig einer reinen Verhaltenstherapie nicht überlegen ist.
Ergo: Mit der schnellen ADHS-Diagnose und dem unweigerlichen darauf folgenden Griff zu den Tabletten, entledigen sich immer mehr Eltern ihrer Erziehungspflichten.
Insgesamt war bei der Gmünder Ersatzkasse 2007 Medikinet das zweit umsatzstärkste Medikament bei Verordnungen an Versicherte unter 18 Jahren – mit einem Zuwachs im Vergleich zu 2006 von 26 Prozent. Concerta ist auf Platz 4 dieser Liste (plus 1 Prozent), Strattera auf Platz 8 (plus 23 Prozent; Wirkstoff Atomoxetin – der Hersteller selbst warnt bei diesem Medikament vor einem signifikant erhöhtem Selbstmordrisiko) und Equasym auf Platz 15 (plus 310 Prozent; Wirkstoff wieder Methylphenidat).
In ganz Deutschland ist bei Methylphenidat die verordnete Menge von 1997 bis 2008 um mehr als das Zwölffache gestiegen auf 50 Millionen Tagesdosen.
Damit können 280.000 Kinder ein halbes Jahr durchgehend behandelt werden. Dabei stellt der Sachverständigenrat zugleich fest: „Eine Zu- oder Abnahme psychischer Auffälligkeiten ist bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt nicht festzustellen.“ Es gibt also keine ADHS-Epedemie, sondern immer mehr Kinder werden aus Bequemlichkeit mit gesundheitsgefährdenden Drogen künstlich ruhig gestellt.
Download dieses Artikels als PDF [116 KB]
Volk der Nichtschwimmer
Kevin allein im Netz
Juli 2009 – Laut einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes BITKOM geben 31 Prozent der befragten Eltern an, dass sie nicht in der Lage sind, die Web-Aktivitäten ihrer Kinder zu kontrollieren, jeder sechste mischt sich überhaupt nicht in die Internetnutzung seiner Kinder ein. Dabei nutzen laut der Studie bereits 21 Prozent der 4- bis 6-Jährigen das Internet, 71 Prozent der 7- bis 10-Jährigen und ab elf Jahren fast alle. Man darf „Nutzung“ in diesem Zusammenhang aber nicht als etwas Nützliches, etwa ein Referat vorbereiten, missverstehen. Viel mehr geht es um Web 2.0-Anwendungen wie social networks, Foren und das Einstellen von Bildern/Videos. Hoffentlich findet Kevin auch wieder allein aus diesem Netz 2.0 heraus …
Freizeit
Juni 2009 – Deutschland ist Vize-Weltmeister bei der Freizeit. Laut der OECD-Studie Society at a Glance 2009 haben die Deutschen an jedem normalen Tag durchschnittlich 6 Stunden und 35 Minuten Freizeit – müssen also nicht erwerbsarbeiten und beschäftigen sich nicht mit Hausarbeit, Körperpflege, Schlafen, Essen oder Bildung. Tatsächlich braucht ein Großteil der Bevölkerung diese Menge Freizeit auch, um das tägliche Fernsehpensum zu bewältigen. Sechseinhalb Stunden, da wäre eigentlich viel Zeit für ehrenamtliches Engagement in Vereinen, Parteien oder kirchlichen Laienorganisationen – die kämpfen aber allerorts mit Mitgliederschwund. Die neuen OECD-Zahlen sind wieder ein eindrücklicher Beleg gegen die gerne kolportierte These der Beschleunigung unseres ach so hektischen modernen Lebens.
Download dieses Artikels als PDF [83 KB]


